Frühkindliche Entwicklung als Grundrecht

Agatha Thapa, Gründerin von Seto Gurans (Weisser Rhododendron), stellt mit ihrer Organisation in Nepal hochwertige Angebote für die frühe Kindheit bereit, und bietet Elternkurse an, die für die holistische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen von grosser Bedeutung sind. Agatha Thapa stand an der Spitze einer sozialen Bewegung, der es gelang, die Rechte eines jeden Kindes auf Massnahmen der frühkindlichen Entwicklung und auf Beteiligung verfassungsrechtlich zu verankern.

Frühkindliche Entwicklung bildet das Fundament im Leben eines jeden Menschen: Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass sich 90 % des menschlichen Gehirns in dieser frühen Phase ausbilden. Bereits im Mutterleib sind Stimulation, Gesundheit, Ernährung, Schutz und Beteiligung daher wichtig. Doch gerade Frauen und Kinder sind in Nepal besonders häufig von Armut und Analphabetismus betroffen. Deshalb beschloss Agatha Thapa vor 38 Jahren, mit den am stärksten benachteiligten Kindern – den Kindern der „Unberührbaren” – zu arbeiten. Sie träumte von einer gerechteren Gesellschaft, in der jedes Kind die Chance hat, sein volles Potenzial zu entfalten, und gründete Seto Gurans. Ihre Organisation benannte Agatha Thapa nach dem weissen Rhododendron, der nur in schwer zugänglichen Bergregionen Nepals wächst und symbolisch für die vielen Kinder steht, die unter schwierigen Bedingungen überleben müssen und deren Rechte häufig mit Füssen getreten werden. Ungleichheiten aufgrund von Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, geografischer Lage und bitterer Armut berauben sie der ihnen zustehenden Chancen. Mit Angeboten für die frühkindliche Entwicklung möchte Seto Gurans diesen Kindern helfen, ihr volles Potenzial zu entfalten – und aufzublühen.

Agatha Thapa hat innovative Programme für die frühe Kindheit entworfen, die den Entwicklungsbedürfnissen der Kinder gerecht werden und sich an Eltern, Bezugspersonen und Lehrer richten, damit eine holistische Entwicklung der Kinder gewährleistet wird. Der kreisförmig angeordnete Lehrplan gleicht einem Mandala und beinhaltet in einem integrierten Lernansatz Massnahmen für die emotionale, soziale, kognitive, kulturelle, physische und spirituelle Entwicklung der Kinder. Agatha Thapa erhält einen von zehn Klaus J. Jacobs Awards 2018 für soziale Innovation und gesellschaftliches Engagement. Mit dem Preisgeld – 100‘000 CHF – möchte sie sieben neue regionale Ressourcenzentren in sieben Bezirken errichten.

Agatha Thapa Seto Gurans

Agatha Thapa, Gründering von Seto Gurans

“Nepal soll ein Land sein, in dem alle Kinder Zugang zu hochwertigen Bildungsmöglichkeiten haben und ihr volles Potenzial entfalten”

Nach langjähriger Tätigkeit wurde Seto Gurans in Nepal als NGO anerkannt und konnte ihr Angebot von 59 auf 75 Bezirke ausweiten. Die nepalesische Regierung arbeitet auf Bezirksebene mittlerweile ebenfalls mit dem Programm der Organisation. Derzeit gibt es in städtischen und ländlichen Gegenden Nepals mehr als 36’000 Zentren für die frühkindliche Entwicklung.

Um die frühkindliche Entwicklung landesweit zu thematisieren und als Grundrecht in der nepalesischen Verfassung festzuschreiben, gründete Agatha Thapa eine Arbeitsgruppe, an der 21 Mitglieder der verfassungsgebenden Versammlung teilnahmen. Ihre Initiative war erfolgreich, und seit 2015 steht in Artikel 39 der nepalesischen Verfassung: „Jedes Kind hat ein Recht auf Massnahmen der frühkindlichen Entwicklung und auf Beteiligung.“ 

Im Jahr 2018 vergibt die Jacobs Foundation zehn Preise an soziale Innovatoren und Wegbereiter des Wandels auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendentwicklung. Jeder Preis ist mit 100’000 CHF dotiert. Die Preisträger bieten Lösungen für eine positive Kinder- und Jugendentwicklung an, die preisgünstig, nachhaltig und vor Ort leicht umsetzbar sind. Die zehn Gewinner wünschen sich sozialen Wandel und setzen sich dafür unermüdlich ein. Sie lassen ihren Worten Taten folgen.