“Wissenschaft und Forschung sind ständig in Bewegung.”

Nora Maria Raschle ist Jacobs Foundation Research Fellow und begann im April 2019 als Assistant Professor für Psychologie am Jacobs Center for Productive Youth Development der Universität Zürich. Wir sprachen mit Nora über ihre Forschungspläne, ihren eigenen Blog und darüber, wie man komplexe Forschungsergebnisse besser verständlich an die Öffentlichkeit kommunizieren kann.

Nora, du bist erfolgreiche Wissenschaftlerin, Mutter von drei Kindern und schreibst in deinem Blog www.bornascientist.com (den du auch selbst illustrierst) mit Begeisterung über wissenschaftliche Themen. Wann schläfst du?

*Lacht* Ich schlafe mal mehr, mal weniger. Wahrscheinlich so wie andere Eltern auch. Mir hilft der Fokus auf mehrere Gebiete dabei, den Stress aus den jeweils anderen Bereichen abzubauen. Dieser Ausgleich und das Berücksichtigen des psychischen Wohlergehens sind mir wichtig. Für Wissenschaft, Kunst und Sport habe ich mich schon als Kind begeistert. Und seitdem ich selbst Kinder habe, steht die Familie für mich im Mittelpunkt. Wissenschaftler streben danach, neues Wissen zu schaffen, Fragen zu untersuchen und neue Theorien aufzustellen. In allen anderen Aspekten sind sie aber genauso vielfältig wie andere Menschen auch – und so sollte es auch sein.

Die Interviews mit Kollegen, die du in deinem Blog veröffentlichst, beginnen oft mit der Frage: „Wie kam es, dass du Wissenschaftler wurdest?“ Also: Wie kam es, dass DU Wissenschaftlerin wurdest?

Ich hatte das Glück, meine Interessen ausleben zu dürfen. Meine Eltern haben meinen Wunsch unterstützt, mich mit MINT-Themen zu befassen, und ich wuchs mit zwei Brüdern auf, die mir beibrachten, mich zu behaupten – sei es auf dem Fussballfeld oder im Mathematikunterricht. Ausserdem habe ich immer wahnsinnig gern gelesen und fand das menschliche Gehirn in Zusammenhang mit unserem Verhalten und unserer Persönlichkeit faszinierend. Während meinem Studium wurde ich geprägt von den Menschen, die ich kennen lernen durfte und den Orten, an welche ich reiste. Lehrpersonen wie Professor Lutz Jäncke an der Universität Zürich haben mein Interesse am menschlichen Gehirn erst richtig geweckt. Schon früh, während des Masterstudiums, konnte ich zudem Erfahrungen durch Auslandaufenthalte sammeln, zum Beispiel indem ich  meine Universitäre Master Abschlussarbeit mit Professor Gottfried Schlaug abschloss. (Music and Neuroimaging Laboratory, Beth Israel Deaconness Medical School & Harvard University, Boston, USA). Vor und nach meiner Dissertation forschte ich in Professor Nadine Gaabs Labor, wo ich wertvolle Einblicke in die Entwicklung des menschlichen Gehirns wie auch der methodischen und praktischen Herausforderungen bekam, die mit der Erforschung verbunden sind. Ein hervorragendes weibliches Rollenmodell in Professor Gaab zu finden war dabei sehr wertvoll.

 

Ich bin der Ansicht, dass unsere Forschungsbemühungen an Wert verlieren, wenn es uns nicht gelingt, sie erfolgreich zu kommunizieren. Nora Maria Raschle, PhD.

 

Du befasst dich mit Forschung im Bereich der pädiatrischen Neuroradiologie – anders ausgedrückt: Du schiebst zappelige kleine Kinder ins MRT-Gerät. Wie schaffst du es, dass sie dort ruhig liegen bleiben?

Die machen das ehrlich gesagt super! Kinder verstehen oft viel mehr, als wir von ihnen erwarten. Im Gegensatz zu Erwachsenen sind Kleinkinder daran gewöhnt, jeden Tag unbekannte Situationen anzutreffen und damit umzugehen. Aber es stimmt schon, dass es für Kinder manchmal schwierig sein kann ganz ruhig da zu liegen.. Wir bemühen uns sehr um eine verständliche Kommunikation und kinderfreundliche Forschungsprotokolle mit Spielen, Abenteuern, Filmen und farbenfrohen Bildern, damit das für die Kinder so angenehm wie möglich abläuft. Es gibt da viele kleine Tricks, und wer mehr erfahren möchte, sollte sich unser Video dazu ansehen: „Making MR Imaging Child’s Play

Mit deinem Blog willst du Wissen auf unterhaltsame und leicht verständliche Weise für alle zugänglich machen. Du willst Mauern einreissen, die durch komplizierte Formulierungen entstanden sind. Aber manchmal lassen sich Forschung, Forschungsergebnisse und vor allem die sich daraus ergebenden Folgen nicht ganz so einfach darstellen, oder?

Erfolgreiche externe Wissenschaftskommunikation ist eine Kunst! Dafür müssen nicht nur die wichtigsten Erkenntnisse sorgfältig übertragen werden, sondern auch die angewandten Methoden, die zu einer bestimmten Schlussfolgerung geführt haben.

Ja und nein. Die reinen Ergebnisse, wie sie im entsprechenden Teil eines Fachartikels beschrieben sind, sollten nüchtern und neutral präsentiert werden. Im Diskussionsteil versuchen Wissenschaftler dann jedoch, das grosse Ganze aufzuzeigen, ihre Erkenntnisse in den Gesamtzusammenhang des bereits Bekannten zu stellen sowie neue Schlussfolgerungen und Hypothesen aufzustellen. Es gibt eine bestimmte Art, solche Schlussfolgerungen zu formulieren, und diese wissenschaftliche Fachsprache kann schwer verständlich sein. Man könnte soweit gehen und sagen, Fachartikel seien in einer Fremdsprache verfasst. Meiner Meinung nach ist es jedoch Aufgabe von Wissenschaftlern und Universitäten, ausserhalb von wissenschaftlichen Publikationen Wege zu finden, Erkenntnisse so zu kommunizieren, dass alle sie verstehen können.

Die externe Kommunikation wissenschaftlicher Erkenntnisse nimmt viel wertvolle Zeit in Anspruch – Zeit, die Forscher auch anders nutzen könnten, beispielsweise, um Fachartikel zu schreiben. Empfehlen Sie jungen Wissenschaftlern, sich diese Zeit zu nehmen, oder sollten sie das lieber den fest angestellten Professoren überlassen?

Ich bin der Meinung, dass wir, wenn wir Forschungsgelder aus öffentlicher Hand erhalten, zu einem gewissen Ausmass mit verpflichtet sind, der Öffentlichkeit auch zu erklären, was wir damit tun. Wissenschaftler jeder Karrierestufe können selber von der Wissenschaftskommunikation profitieren.. Zum Beispiel Studenten, die Laien auf verständliche Art und Weise erklären können, worum es bei ihrer Forschung geht, haben ihr eigenes Thema selbst wirklich begriffen. Denn sie können sich dann nicht hinter komplizierten Formulierungen und fachsprachlichen Begriffen verstecken. Es gibt ganz unterschiedliche Möglichkeiten, Forschungsergebnisse extern zu kommunizieren, zum Beispiel in Interviews, Diskussionsrunden, TED Talks, Vorträgen, Audios oder Kunst. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Zudem gibt es Fachpersonen, die für die Wissenschaftskommunikation ausgebildet sind, was genutzt werden sollte.

Was fasziniert dich an der Forschungsarbeit am meisten?

Wissenschaft und Forschung sind enorm dynamische Arbeitsbereiche, sie sind ständig in Bewegung. An jedem Arbeitstag lerne ich etwas Neues und befasse mich mit dem Thema, das mich am meisten fasziniert: dem menschlichen Gehirn, damit, wie dieses unglaublich komplexe Organ wächst, lernt und sich verändert und wie es jeden von uns einzigartig macht. Auch wenn man in der Wissenschaft mit einigen Herausforderungen umgehen muss, so bietet sie doch ein enorm bereicherndes Arbeitsumfeld.

Was frustriert dich an der Forschungsarbeit am meisten?

Alles, was man mit ganzem Herzen tut, kann irgendwann unweigerlich auch zu Enttäuschungen führen. Es ist deshalb wichtig, einen Ausgleich zu haben und für das eigene mentale Wohlergehen zu sorgen. Für Akademiker ergibt sich Stress beispielsweise aus der starken Konkurrenz im Forschungsbereich, aus dem ständigen Kampf um ausreichende Forschungsgelder und aus dem Anspruch, sichtbar zu sein und genug Veröffentlichungen in angesehenen Fachzeitschriften vorweisen zu können –Beweise für den institutionellen Erfolg. Rückschläge und Misserfolge sind da unvermeidlich. Ausserdem ist das System nicht fehlerfrei. So können die festgelegten Kriterien für einen erfolgreichen Forschungsantrag dazu führen, dass vielversprechende, neue, vielleicht riskante, dafür aber innovative Projektideen nicht in Betracht gezogen werden. Und schliesslich sehen wir uns immer noch mit zahlreichen Vorurteilen konfrontiert, unter anderem in Bezug auf Publikationen oder bezüglich Geschlechtergleichheit.

Letzte Frage: Was willst du in den nächsten 10 Jahren unbedingt erreichen?

Von zentraler Bedeutung ist für mich ein glückliches und zufriedenes Zusammenleben innerhalb meiner Familie. Ich wünsche mir auch, dass unsere Kinder (8/8/4 Jahre) glücklich aufwachsen und sich zu anständigen Menschen entwickeln.

Beruflich möchte ich meine Forschung im Bereich der Gehirnentwicklung fortsetzen und damit drei Ziele erreichen: zur Charakterisierung typischer und atypischer Verhaltensweisen beitragen, damit über Gesundheit und Krankheit informiert werden kann; dieses Wissen nutzbar machen, damit eine frühzeitige Diagnose und Charakterisierung bei Betroffenen möglich ist; und zu einer praktischen Umsetzung beitragen, damit nötige Behandlungsmöglichkeiten bzw. Pflege- und Lernprogramme entwickelt werden, die den Betroffenen helfen. Hauptsächlich arbeite ich für eine verstärkte Wahrnehmung, Diagnose und Prävention frühkindlicher Probleme – egal, ob diese nun durch Krankheit, Benachteiligung oder Vererbung entstanden sind – und für eine Reduktion der damit verbundenen Folgen, um jedem Kind dieselben Chancen im Leben zu eröffnen.

Ich bin der Ansicht, dass unsere Forschungsbemühungen an Wert verlieren, wenn es uns nicht gelingt, sie erfolgreich zu kommunizieren. Es ist nicht nur wichtig, immer mehr oder bessere Daten zu sammeln, Individuen angemessen zu repräsentieren und Prognosen für einzelne Personen aufstellen zu können. Wir müssen uns auch damit befassen, wie wir unsere Forschungsergebnisse auf wirksame Weise implementieren und kommunizieren, damit diese in Krankenhäusern, in der Politik und im Bildungssystem ankommen.

Zur Person:
Nora Maria Raschle ist Entwicklungsneurowissenschaftlerin mit Expertise in kognitiver und affektiver Neurowissenschaft. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf der frühzeitigen Erkennung und Charakterisierung von entwicklungsbezogenen oder psychiatrischen Störungsbildern. Ausserdem befasst sie sich mit unterschiedlichen Entwicklungsverläufen, psychosozialen Risikofaktoren der frühen Kindheit sowie Gegebenheiten in Familie und Umfeld, die Rückschlüsse auf die Resilienz zulassen.

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