«Wir möchten Brückenbauer für alle Familien in Liechtenstein sein.»

Das Fürstentum Liechtenstein nimmt neu am Programm Primokiz2 der Jacobs Foundation teil. Primokiz2 vernetzt die Akteure in den Bereichen Bildung, Soziales, und Gesundheit und unterstützt sie darin, eine umfassende Politik der frühen Kindheit zu entwickeln, um gute strukturelle Rahmenbedingungen zu schaffen. Marlen Jehle, Koordinatorin und Beraterin Frühe Förderung des Eltern Kind Forums in Liechtenstein beleuchtet im Gespräch, wo aktuelle Schwerpunkte und neue Herausforderungen liegen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, am Programm Primokiz2 teilzunehmen beziehungsweise den Antrag zur Teilnahme einzureichen?

Das Eltern Kind Forum führt seit bald einem Jahr in Liechtenstein die Koordinations- und Beratungsstelle Frühe Förderung (KBFF). Ich habe an einer Veranstaltung von „Radix“ in Zürich teilgenommen und wurde so auf das Projekt aufmerksam. Mir gefiel die Idee „über die Grenzen“ zu schauen und sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und haben uns deshalb entschlossen den Antrag zur Teilnahme einzureichen. Natürlich musste zuerst geklärt werden, ob eine Zusammenarbeit mit dem „kleinen Nachbarn“ überhaupt möglich ist.

Wo liegen die Schwerpunkte Ihrer Arbeit bezogen auf die frühe Kindheit in Liechtenstein?

Aktuell erarbeitet die KBFF eine Strategie für Liechtenstein. Liechtenstein besteht aus 11 Gemeinden und zählt etwas über 38000 Einwohner. Es sind sowohl auf Landes-, als auch auf Gemeindeebene bereits viele Angebote im Bereich Frühe Kindheit vorhanden. Es gilt diese zu koordinieren, zu vernetzen und im Weitern aufzuzeigen wo noch Lücken vorhanden sind. Wir unterstützen, beraten und sensibilisieren sowohl Akteure, als auch Gemeinden und Familien im Bereich Frühe Förderung. An erster Stelle steht nun, unseren Auftrag und unser Angebot bekannt zu machen.

Marlen Jehle, Koordinatorin und Beraterin Frühe Förderung des Eltern Kind Forums in Liechtenstein.

“Das Interesse in unserem Land ist riesig und vielen Fachleuten liegt dieses Thema besonders am Herzen.”

 

Gab es einen Moment in Ihrer Karriere, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist und der sie dazu motiviert sich noch mehr für die umfassende Politik der frühen Kindheit einzusetzen?

Da ich die Stelle erst im August 2018 angetreten habe, kann man noch nicht von einer Karriere sprechen. Das Eltern Kind Forum hat sich ja schon immer mit den Bedürfnissen und Problemen von Familien auseinandergesetzt. Wir sind ja auch in der Erziehungsberatung, der Kinderbetreuung und Elternbildung tätig. Wir setzen uns täglich für Familien ein und sind mit diesen im Austausch. Wir merken, dass v.a. Familien mit sozialen Problemen oder Kinder aus schwierigen Verhältnissen es oft beim Eintritt in den Kindergarten nicht leicht haben. Hier wollen wir unbedingt zur Chancengleichheit beitragen. Im Januar 2019 haben wir eine Impulsveranstaltung zum Thema „Frühe Förderung: vernetzt und koordiniert“ organisiert. Es haben sich an diesem Abend 120 Fachleute aus verschiedenen Disziplinen zum Thema „wie Frühe Förderung gelingen kann“ getroffen und sich ausgetauscht. Hier habe ich gesehen, dass das Interesse in unserem Land riesig ist und es viele Fachleute und Institutionen gibt, denen dieses Thema besonders am Herzen liegt. Dies motiviert natürlich, die begonnen Arbeit zum Wohl aller Familien in Liechtenstein weiterzuführen und sich für eine Politik der frühen Kindheit einzusetzen.

Im Argumentarium des Programms Primokiz lautet das sechste von neun Argumenten: «*FBBE hilft Brücken bauen». Wie sehr hat dieser Satz auch Bedeutung für Ihre Arbeit?

Wir möchten Brückenbauer für alle Familien in Liechtenstein sein. Alle Kinder, unabhängig von ihrer Herkunft, sollen die gleichen Entwicklungschancen haben. Wir möchten die bereits vorhandenen Angebote allen Familien zugänglich machen. Vor allem schwer erreichbaren Familien möchten wir „ins Boot“ holen und die Eltern dazu motivieren die Angebote als Chance für ihre Kinder zu sehen. Das Eltern Kind Forum bietet bereits das Frühförderprogramm „schritt:weise“ für sozial benachteiligte Familien bzw. für Familien mit Migrationshintergrund an. Hier bauen wir eine erste Brücke, können das Vertrauen gewinnen und vermitteln, wie das hiesige Bildungssystem funktioniert. Es gilt noch mehr niederschwellige Zugangsmöglichkeiten zu schaffen z.B. durch ein Familienzentrum. Auch gibt es schon in einigen Gemeinden sprachliche Frühförderprogramme. Hier wollen wir noch mehr Gemeinden motivieren solche Programme anzubieten.

Wo liegen Ihre Herausforderungen für Ihre Arbeit auf politischer Ebene in Liechtenstein?

Die Politik muss, v.a. auf Gemeindeebene, für das Thema Frühe Förderung sensibilisiert werden. Man muss den Gemeinden aufzeigen, dass es sich lohnt, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Alle Gemeinden sollten sich zu einer Politik der frühen Kindheit bekennen und entsprechende personelle und finanzielle Ressourcen zur Verfügung stellen. Die Projektphase bzw. der Aufbau der KBFF ist auf 3 Jahre befristet und lediglich mit 20 Stellenprozent ausgestattet. Es wird sich dann nach Ablauf der Befristung zeigen, ob die Politik auf Landesebene hinter dem Projekt steht und dieses weiterführt. Wünschenswert wäre dann natürlich auch eine Erhöhung der Stellenprozente, damit wir uns noch umfassender für alle Familien im Land einsetzen können.

*FBBE: Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung 

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