«Wir konnten den Gemeinderat überzeugen.»

Muri-Gümligen ist eine steuergünstige Agglomerationsgemeinde bei Bern. Die Initiative für ein Konzept der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung für Muri ging von einem bürgerlichen Gemeinderat aus, dem Prävention auch aus wirtschaftlichen Gründen sehr wichtig ist. Nach einer 3-jährigen Pilotphase bewilligte dieser auch die Verstetigung einer Primokiz-Stelle, die heute stark auf Vernetzung und Kooperation fokussiert.

«Primokiz passte sehr gut in die Gesamtkonstruktion unserer Fachstelle für Kinder und Jugendfragen, die seit ihrem Bestehen stark auf Prävention ausgerichtet ist», erzählt Kaspar Padel, Schulsozialarbeiter und seit fünf Jahren Projektverantwortlicher für Primokiz Muri. Muri-Gümligen (BE, 12 000 Einwohner, Sozialhilfequote 3 Prozent) ist eine wohlhabende Agglomerationsgemeinde und bietet sich auf seiner Website als idealer Wohnort für Familien mit Kindern an. Die Gemeinde legt deshalb grossen Wert auf ihre guten Schulen. Als man von Kindergärtnerinnen hörte, dass es immer häufiger Kinder gebe, denen beim Kindergarten-Eintritt grundlegende Fähigkeiten und Fertigkeiten fehlten, habe der Gemeinderat selbst entsprechende Richtziele formuliert: Eltern von Vorschulkindern sollten zum Thema der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung sensibilisiert und informiert werden, Familien mit belastenden Lebensverhältnissen sollten gezielt unterstützt werden, alle involvierten Stellen und Akteure sollten zusammenarbeiten.

Angestossen durch diese Richtziele stiess seine Vorgängerin auf das Primokiz-Angebot der Jacobs Foundation, erzählt Kaspar Padel, und erstellte mit deren Unterstützung eine Situationsanalyse. An diesem Punkt übernahm er selbst das Projekt und erarbeitete nun ein Konzept. Die Zusammenarbeit mit der Primokiz-Expertin sei sehr hilfreich gewesen, sie habe ihm zu einem «guten Pragmatismus» im Umgang mit den vorhandenen Instrumenten verholfen. Ebenso wertvoll waren die Vernetzungstreffen mit anderen Gemeinden: «Der Vergleich mit anderen war aufschlussreich, es wurden Fragen diskutiert, die auch ich hatte. Und es war gut zu wissen: man ist nicht allein, es ist ein grosses Thema, schweizweit, europaweit», erinnert sich Kaspar Padel.

Als Kernstück von Primokiz Muri erwies sich die Vernetzung der vielen bereits vorhandenen Angebote. Dazu kam die Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteuren im Aussenbereich (z.B. Spielplätze) und verschiedene kleinere Aufgaben, wie etwa eine Neukonzeption der Eltern-Kind Deutschkurse oder Elternbildungsabende im ersten Kindergartenjahr. Das Konzept sah für eine dreijährige Pilotphase dafür 30 Stellenprozent vor. Der Gemeinderat nahm den Antrag wohlwollend an – «schliesslich ging es um die Erfüllung eines in den Richtzielen des Gemeinderates formulierten Auftrages», erklärt Kaspar Padel.

«Muri ist kein Hotspot sozialer Probleme, aber man hat hier schon lange verstanden, dass Prävention in jeder Hinsicht Sinn macht, gerade auch im Frühbereich.»

Beat Wegmüller (SP), heute Gemeinderat von Muri, war damals noch nicht im Gemeinderat. «Es war sicher von Vorteil, dass damals eine bürgerliche Gemeinderätin das Pilotprojekt politisch intensiv betreute» erinnert er sich.

Er selbst hat sich als neuer Gemeinderat für den Bereich Jugend nun intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Der gesamte Bildungsbereich habe Primokiz zwar einhellig befürwortet. Trotzdem habe man mit Blick auf die Verstetigung der Primokiz-Stelle zusätzlich noch einen Ausschuss für Kinder- und Jugendfragen reaktiviert. Dieser Ausschuss habe zuhanden des Gemeinderates einen Mitbericht verfasst – «so konnten wir das Projekt auch kinder- und jugendpolitisch begründen.» Zudem habe man das Pilotprojekt durch die Hochschule Luzern evaluieren lassen. Beides, der Ausschuss und die wissenschaftliche Begleitung, hätten wesentlich dazu beigetragen, dass Primokiz Muri nun im Juni 2018 definitiv vom Gemeinderat bewilligt worden sei.

Doch auch die Arbeit der Fachstelle selbst war entscheidend: «Die Mitarbeiter der Fachstelle präsentierten das Projekt im Gemeinderat und konnten mit ihrer Kompetenz überzeugen. Zudem haben sie im Vorfeld in den Lokalnachrichten viele wertvolle Informationen geliefert», sagt Wegmüller. Und natürlich, darin sind sich Beat Wegmüller und Kaspar Padel einig, war die gute finanzielle Lage der Gemeinde hilfreich.

Das Fazit von Gemeinderat und Fachstellenleiter lautet ähnlich: «Wir konnten den Gemeinderat überzeugen, dass mit der präventiven Arbeit von Primokiz auch spätere grosse Kosten vermieden werden können», sagt Beat Wegmüller. Wichtig dafür sei eine frühzeitige und dauernde transparente Information an die politischen Entscheidungsträger und eine Begleitgruppe, welche mit anderen Organisationen (wie etwa der Kirchengemeinde) vernetzt ist.

Kaspar Padel formuliert es so: «Muri ist kein Hotspot sozialer Probleme, aber man hat hier schon lange verstanden, dass Prävention in jeder Hinsicht Sinn macht, gerade auch im Frühbereich. Und dass es bei der Einführung von Primokiz um einen schweizweiten Prozess geht, bei dem wir in Muri eine Vorreiterrolle einnehmen können.»

Zum Programm:

Primokiz2– Für eine Politik der frühen Kindheit