Wie wirkt sich die Einschulung auf Geist und Gehirn aus?

Für fast jedes Kind ist der Eintritt in die Schule ein einschneidendes Ereignis. Kinder erleben beim Übertritt vom Kindergarten in die Grundschule oft deutliche Unterschiede, beispielsweise in Bezug auf Strukturen, Lehrplan und Erwartungen der Lehrer.

Da das Schulsystem eine relativ neue Erfindung der Menschheit ist, stellt sich die Frage, wie sich die Schulbildung auf die Entwicklung von Geist und Gehirn in der frühen Kindheit auswirkt. Interessant ist hier insbesondere, ob der Eintritt in die Schule zum sprunghaften Anstieg der kognitiven, sozialen und moralischen Fähigkeiten beiträgt, die von der späten Kindergartenphase bis zur frühen Grundschulzeit häufig beobachtet und in der englischen Fachliteratur als „5-7 shift“ bezeichnet wird.

Kinder erleben beim Übertritt vom Kindergarten in die Grundschule oft deutliche Unterschiede, beispielsweise in Bezug auf Strukturen, Lehrplan und Erwartungen der Lehrer. Da das Schulsystem eine relativ neue Erfindung der Menschheit ist, stellt sich die Frage, wie sich die Schulbildung auf die Entwicklung von Geist und Gehirn in der frühen Kindheit auswirkt. Interessant ist hier insbesondere, ob der Eintritt in die Schule zum sprunghaften Anstieg der kognitiven, sozialen und moralischen Fähigkeiten beiträgt, die von der späten Kindergartenphase bis zur frühen Grundschulzeit häufig beobachtet und in der englischen Fachliteratur als „5-7 shift“ bezeichnet wird.

Willkürlicher Stichtag

Die Erforschung dieser Frage stellt sich als nicht ganz einfach heraus. Da alle Kinder schulpflichtig sind, ist es unmöglich, eine nach dem Zufallsprinzip zusammengestellte Gruppe in die 1. Klasse zu schicken und eine zweite nicht. Allerdings setzen die meisten Länder einen ziemlich willkürlich gewählten Stichtag an, um zu entscheiden, wann ein Kind eingeschult wird, und das haben sich einige Forscher für Längsschnittstudien von Kindern zunutze gemacht, deren Geburtstag in die Nähe des Stichtags fällt: Sie vergleichen jene, die gerade alt genug sind, um eingeschult zu werden, mit einer zweiten Gruppe, die den Stichtag knapp verpasst hat und im Kindergarten bleiben muss. Die beiden Gruppen sind also annähernd gleich alt, unterscheiden sich jedoch in ihrem Bildungserlebnis. In einer Längsschnittstudie mit ähnlichem Forschungsdesign untersuche ich gemeinsam mit Dr. Eva Rafetseder (University of Stirling, Schottland) und Dr. Sobanawartiny Wikeajumar (University of Nottingham, England) die Gehirnfunktionen, kognitiven Fähigkeiten und schulischen Leistungen von Kindern, die zwar in etwa gleich alt sind, jedoch in unterschiedlichen Jahren eingeschult wurden.

Mithilfe dieses „Stichtag-Designs“ fanden Forscher heraus, dass Kinder, die eingeschult wurden, im Vergleich zu jenen, die im Kindergarten blieben, im Verlauf des ersten Schuljahres verbesserte Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeit zeigten. Das überrascht zunächst nicht, da beim Schulbesuch eine Auseinandersetzung mit entsprechenden Inhalten zu erwarten ist. Interessanterweise zeigte sich bei der Untersuchung grundlegender Aspekte der Kognition, dass sich der Schulbesuch auf die kognitive Steuerung auswirkt (d. h. auf die Fähigkeit, Gedanken und Handlungen an innere Ziele anzupassen). In einer neueren Studie, die das Stichtag-Design mit Gehirnscans kombiniert, wurde die Verbesserung der kognitiven Steuerung mit einer stärkeren Aktivierung des rechten Parietalkortex in Verbindung gebracht, einer wichtigen Gehirnregion für die Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit.

 Sollte mein Kind dieses Jahr eingeschult werden oder erst nächstes?

Das strukturierte schulische Umfeld wirkt sich also eindeutig auf die frühe neurokognitive Entwicklung aus, möglicherweise durch neue Anforderungen an die Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit im Unterricht. Es gibt Hinweise darauf, dass positive Auswirkungen von Schulbildung auf allgemeine kognitive Fähigkeiten ein Leben lang bestehen bleiben. Derzeit ist noch unklar, inwiefern Unterschiede in der Eingewöhnung zu Beginn der Schulzeit langfristige Folgen haben. Manche Eltern tun sich schwer, wenn sie entscheiden müssen, ob ihre um den Stichtag geborenen Kinder baldmöglichst eingeschult werden sollten oder ob es nicht doch besser wäre, noch ein Jahr zu warten. Einer der Gründe für dieses Zögern ist die Sorge, ihre Kinder könnten als jüngste in der Klasse Nachteile haben. Interessanterweise zeigen die Ergebnisse von Stichtagstudien, dass die jüngeren Schüler ähnliche Verbesserungen der Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeit vorweisen wie ihre älteren Mitschüler. Das heisst, als jüngste in der Klasse sind sie, was den Lernzuwachs selbst betrifft, nicht benachteiligt.

Neuronale Plastizität von Kindern stark ausgeprägt

Allerdings gibt es beim Leistungsvergleich zu Beginn des Schuljahres einen kleinen Altersunterschied, der bis zum Ende des Schuljahres bestehen zu bleiben scheint. Dieser anfängliche Unterschied könnte langfristige Folgen haben, da ein jüngeres Einschulungsalter innerhalb einer Klasse mit negativen Auswirkungen auf Noten in den Abschlussjahren in Verbindung gebracht wurde. Und das wiederum hat Konsequenzen für die Hochschulbildung und die Chancen am Arbeitsmarkt. Um jedoch wirklich zu verstehen, was hier ausser dem Alter eine Rolle spielen könnte, müssen wir die nötigen Anpassungen neurokognitiver Prozesse im Schulkontext näher beschreiben und dabei auch individuelle Unterschiede berücksichtigen.

Schlussendlich sollten bei der Entscheidung über die Einschulung eines Kindes dessen Eigenschaften berücksichtigt werden – ist es kognitiv und emotional für den Übertritt in die Schule bereit? – sowie dessen Kompatibilität mit der Unterrichtspraxis der Schule. Vielleicht ist es für Eltern jedoch beruhigend zu erfahren, dass die neuronale Plastizität von Kindern derart ausgeprägt ist, dass sie in jedem Bildungsumfeld lernen und sich weiterentwickeln.

 

Autorin:
Yee Lee Shing
ist Entwicklungspsychologin an der Goethe-Universität Frankfurt und interessiert sich für die Entwicklung von Geist und Gehirn über die Lebensspanne. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Untersuchung von Umweltfaktoren wie Einschulung und Stress durch soziale Benachteiligung sowie deren Auswirkung auf die Entwicklung von Kindern.

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