„Wichtig ist, dass Selbstführung immer in Bezug auf soziales Handeln gesehen wird.”

Die Gesamtschule Unterstrass erhielt den Klaus J. Jacobs Best Practice Prize 2015 für ihr Projekt „Selbstführung und soziales Handeln in Schule und Unterricht“, mit dem die spezifische und sensitive Phase der Adoleszenz sinnvoll genutzt werden soll.

In einem Interview mit der Jacobs Foundation erklärt der Schulleiter Dieter Rüttimann, wie es zu dem Projekt kam und wie es in die vielen verschiedenen Unterrichtsfächer einfliesst.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen dieses Projekt anzubieten?
Ausgangspunkt dieses Projektes war die Einführung der Grundstufe, des Zusammenzugs von zwei Jahre Kindergarten und 1. Klasse im Jahre 2000. Es gab weder einen Lehrplan noch Lehrmittel. Da die Grundstufe in zwei, drei oder vier Jahren durchlaufen werden kann, mussten wir Kriterien für eine allfällig beschleunigte Laufbahn entwickeln. Dabei sind vor allem überfachliche Kompetenzen wie Selbstführung und Soziales Handeln von Bedeutung. Unter Bezugnahme auf wissenschaftliche Ergebnisse entwarfen wir entsprechende Konzepte und formulierten dabei Kompetenzen auf Ende der 1. Klasse. Zusammen mit den Mehrklassenschulen von Hinwil ist daraus ein Kompetenzpass für jede Schulstufe für die Hand der Eltern und der Kinder entstanden, inklusive aller Schulfächer.
Dieses Schuljahr wollten wir die beiden Bereiche „Selbstführung und Soziales Handeln“ konkret umsetzen. Wichtig ist uns, dass Selbstführung immer in Bezug auf soziales Handeln gesehen wird – und selbstverständlich sind diese beiden überfachlichen Kompetenzen von überragender Bedeutung in Bezug auf schulische Leistungen.

Wie wurde das Projekt von den Eltern und von den Kindern angenommen?
Bei der Ausarbeitung des Kompetenzpasses haben wir eine Resonanzgruppe aus Eltern in die Entwicklung einbezogen. Generell sind uns die Eltern dankbar, wenn Selbstführung in der Schule zum Thema wird. Allerdings hatten wir bei der Umsetzung einen wichtigen Aspekt übersehen – eine Schülerin der 8. Klasse hat uns darauf gebracht. Sie ist mit dem Anliegen an uns getreten, doch ein zusätzliches Unterrichtsfach anzubieten. Ihrer Meinung nach müsste es etwas mit dem Thema „Lebensbewältigung“ zu tun haben. In der wissenschaftlichen Literatur ist das unter dem Begriff „Adaptive Coping Strategien“ zu finden. Mit grossem Vergnügen sind wir in dieses Abenteuer gestartet und haben uns in den ersten Lektionen mit den wichtigsten Fragen der Jugendlichen auseinandergesetzt: Wie bewältigen wir die Scheidung unserer Eltern oder wie verarbeiten wir den Tod eines nahen Angehörigen? Die Gespräche und Rollenspiele dazu sind von grösster Intensität und Ernsthaftigkeit. Wir sind überzeugt im gemeinsamen Nachdenken, Diskutieren und Nachfragen verschiedene Möglichkeiten zu entwickeln, wie solche Herausforderungen bewältigt werden können. Dabei geht es – ganz im Sinne der Selbstführung – immer auch um eine Hilfe zur Selbsthilfe, weil die Jugendlichen lernen, sich auf ihre Ressourcen zu stützen.

Wie bereiten sich Lehrer auf das Projekt vor? Gibt es spezielle Ausbildungen dafür?
Das Projekt setzt eine ganze Menge von Wissen über exekutive Funktionen (Arbeitsgedächtnis, kognitive Flexibilität und Inhibition), Metakognition (Planen, Steuern und Überprüfen) und soziales Handeln unter entwicklungspsychologischen und neurowissenschaftlichen Aspekten voraus. Da haben wir uns als Team über viele Jahre immer wieder weitergebildet. Für die Umsetzung arbeiten wir mit Spielen, bestimmten Fragestellungen und gezielten Interventionen wie z.B. Peer Tutorin oder Reciprocal Teaching. Da unterrichten z.B. ältere Jugendliche jüngere Kinder mit sehr positiven Ergebnissen.
Für das Fach „Lebensbewältigung“, das im Teamteaching unterrichtet wird, sind Beratungserfahrung und eine psychologische Ausbildung von grossem Vorteil, da die Jugendlichen auch emotional stark involviert und berührt sind.

Nehmen alle Kinder an dem Projekt teil oder ist es freiwillig?
Am Projekt „Selbstführung und Soziales Handeln“ sind alle Kinder und Jugendlichen beteiligt, auch wenn die schon erworbenen Kompetenzen unterschiedlich sind. Im Fach „Lebensbewältigung“ sind ebenfalls alle Jugendlichen involviert. Damit die Jugendlichen auch zu Wort kommen und Themen auch vertieft werden können, arbeiten wir in Halbklassen.

Dieter Rüttimann (geb. 1955, Zürich) ist Schulleiter und Lehrer an der Gesamtschule Unterstrass in Zürich, die er vor 34 Jahren gründete. Der studierte Erziehungswissenschaftler und Paar-Therapeut ist seit 1985 Dozent für Fachdidaktik Sprache, Allgemeine Didaktik und Kommunikation am Institut Unterstrass an der Pädagogischen Hochschule Zürich und leitet seit 2000 den Masterstudiengang „Management of Diversity in Education“ von unterstrass.edu. Von 2001 bis 2005 hatte Rüttimann Lehraufträge an der Universität Zürich in Pädagogik und Sonderpädagogik und hat bis heute Lehraufträge an der Universität Hildesheim in Deutschland.

Wir verwenden Cookies, um einen guten Webservice zu ermöglichen. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

OK