Welche Auswirkungen haben Traumata auf Kinder?

Dr. Raija-Leena Punamäki ist als Psychologin und Professorin an der finnischen Universität Tampere tätig und promovierte an der Universität Helsinki. Punamäki geht es in ihrer Forschung primär um die Auswirkungen traumatischer Erlebnisse – besonders in der Familie und während der Schwangerschaft – auf die Eltern-Kind-Beziehung sowie um die emotionale und kognitive Entwicklung von Säuglingen. In einem Interview mit der Jacobs Foundation spricht sie darüber, welche Folgen es für die Entwicklung des Kindes hat, wenn die Mutter während der Schwangerschaft Schwermetallen aus Waffen ausgesetzt war.

Was finden Sie an Ihrer Forschung besonders spannend?

Ich befasse mich schon seit langem mit der Frage, wie Kriege und traumatische Erlebnisse sich in Familienbeziehungen und der Entwicklung von Kindern widerspiegeln. Aktuell untersuchen wir hauptsächlich das erste Lebensjahr eines Kindes und das Wohlbefinden der Mutter während des Übergangs in die Elternschaft in extrem traumatischen Situationen, wie beispielsweise einem Krieg. Aus dem Bauch heraus würde man zunächst davon ausgehen, dass ein Baby, das zum Beispiel während eines Bombenangriffs oder in einem Flüchtlingslager zur Welt kommt, sehr schlechte Zukunftsaussichten hat. Allerdings ist es spannend, wie resilient Menschen unter diesen Umständen sein können. Entwicklungspsychologen sagen gern, dass der Mensch sein erstes Lebensumfeld selbst gestaltet. Dieses Umfeld ist dann nicht gut oder schlecht, vielmehr sind die Interaktionen zwischen Mutter und Säugling anpassungsfähig. Das gilt ganz besonders für Zeiten des Krieges.

Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse?

Die Eltern und Kinder, mit denen wir gearbeitet haben, sind kriegsgeschädigt. Wir sprechen nicht von einer Traumatisierung, da Menschen nicht automatisch traumatisiert sind, selbst wenn ihr Umfeld traumatisierend ist. Wir haben Studien und psychosoziale Interventionen mit Kindern im Vorschul- und Schulalter durchgeführt, als die kriegsgeschädigten Eltern die Frage nach der Gesundheit von Neugeborenen aufwarfen. Mütter in Kriegsgebieten scheinen sehr wohl zu wissen, wie gefährlich die Giftstoffe in modernen Waffen sind. Das hat uns dazu bewegt herauszufinden, wie häufig Säuglinge und schwangere Frauen giftigen Schwermetallen ausgesetzt sind und wie hoch die Belastung ist. Ausserdem haben wir untersucht, wie es sich auf die Entwicklung und das Wohlergehen des Kindes während des ersten Lebensjahres auswirkt, wenn es Schwermetallen ausgesetzt war.

Bisher sind die Ergebnisse nicht sehr ermutigend. Wir haben herausgefunden, dass die toxische Belastung der schwangeren Frauen durch die meisten Schwermetalle höher war als normal. Ausserdem gab es einen Zusammenhang zwischen der Schwermetallbelastung dieser Frauen und der ihrer Neugeborenen. Das konnte anhand von Haarproben gemessen werden. Die Kriegserfahrungen der Familien wurden durch Selbstberichte und Fotos ihrer zerstörten Häuser geprüft, um die Glaubwürdigkeit der Informationen zu garantieren. Es war nicht möglich, ein Trauma durch Schwermetallbelastung von einem psychologischen Kriegstrauma der werdenden Mütter zu unterscheiden. Die Kriegserfahrungen der Mutter wirken sich also auf vielerlei Weise auf das ungeborene Kind aus.

Es ist notwendig, besser darüber zu informieren, wie sich eine Schwermetallanhäufung auf die Fruchtbarkeit auswirkt und wie diese Metalle im Mutterleib auf das Baby übergehen. Wir müssen verstehen, wie sich diese Faktoren möglicherweise in der Zukunft noch auf die Gesundheit von Mutter und Kind auswirken. Frauen sind durch die giftigen Nebenprodukte moderner Waffen besonders gefährdet, die bei der Zerstörung von Häusern, durch Beschuss und Bombenangriffe freigesetzt werden, da sie in Kriegsgebieten häufig mit den Trümmern in Kontakt kommen.

Aus Ihren Publikationen wissen wir, dass Sie auch zu Schlafliedern in Kriegsgebieten forschen. Was genau sagen Schlaflieder über die Entwicklung von Kindern aus?

Schlaflieder sind ein Beispiel für die Ressourcen, die eine Kultur in die frühe Beziehung zwischen Eltern und Kindern einbringen kann. In lebensbedrohlichen Situationen kann es besonders wichtig sein, die Stimme der Eltern zu hören – beispielsweise, wenn diese singen oder mit ihrem Kind sprechen. Schlaflieder wirken beruhigend. Ausserdem singen Mütter, um die Aufmerksamkeit des Säuglings zu wecken, und nutzen Volkslieder als Sozialisationsmittel. Wir haben uns mit der Stimmqualität der Mütter befasst sowie mit der Stimmung, die die Schlaflieder erzeugen, und herausgefunden, dass sich eine positive Grundstimmung positiv auf die Entwicklung der Säuglinge auswirkt. Die Stimmqualität der Sängerin ist ein guter Indikator für die Mutter-Kind-Interaktion.

Wo sehen Sie praktische Anwendungsmöglichkeiten für Ihre Arbeit?

Unser wichtigstes Ziel ist die Anwendung der neuesten Erkenntnisse aus der Säuglingsforschung in der Schwangerschaftsbetreuung in Kriegsgebieten. Während unserer Datensammlung im palästinensischen Gasastreifen wünschten sich sowohl die werdenden Mütter als auch die Feldforscher in Kriegszeiten mehr psychosoziale Elemente in der Schwangerschaftsbetreuung. Zusammen mit kurdischen Partnern implementieren wir Verfahren zur Unterstützung der Mutter-Kind-Interaktion bei jenen, die akut betroffen sind, und als Versorgemassnahme für kriegsgeschädigte Familien.

Dr. Raija-Leena Punamäki ist als Psychologin und Professorin an der finnischen Universität Tampere tätig und promovierte an der Universität Helsinki. In ihrer Forschung befasste sie sich mit der Entwicklung und psychischen Gesundheit von Kindern in Zeiten des Krieges und der militärischen Gewalt, mit psychosozialen Interventionen für kriegsgeschädigte Kinder sowie mit der Rehabilitation von Überlebenden von Folter und Menschenrechtsverletzungen. Aktuell untersucht Punamäki die Auswirkung traumatischer Erlebnisse auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sowie auf Familienbeziehungen. Besonders interessiert ist sie an der Frage, wie es sich auf die Entwicklung des Kindes auswirkt, wenn die Mutter vor, während oder nach der Geburt Giftstoffen ausgesetzt war. Die Forschung und die Interventionen wurden in enger Zusammenarbeit mit palästinensischen, kurdischen und skandinavischen Kollegen ausgeführt. Punamäki ist Mitglied der Finnischen Akademie der Wissenschaften, des Nordic Network for Research on Refugee Children und der Organisation Finnish Psychologists for Social Responsibility.