«Was ist Geschichte?», eine Schülerausstellung

Im Herbst 2018 lud das Johann Jacobs Museum in Zürich eine ganze Schulklasse zum Kuratieren ein. Wir wollten lernen, wie Schülerinnen und Schüler lernen. Dieses rund einjährige Projekt mündete einerseits in eine aufregende Ausstellung zum Thema «Was ist Geschichte?». Andererseits gewannen wir wichtige Erkenntnisse, die uns bei der Entwicklung eines digitalen Lern-Tools für den Schulunterricht (Stichwort: «Globalgeschichte») helfen.

Rund 25 Schülerinnen und Schüler aus der Oberstufe der Gesamtschule Unterstrass Zürich sassen um den gewaltigen Tisch im Museum. Ihre Blicke galten den zahlreichen Absonderlichkeiten, die das Museumsteam vor ihnen aufgebaut hatte:

  • Ein protestantischer Missionar aus geschnitztem Elfenbein aus dem Kongo
  • Bunte Glasperlen aus Murano, die entlang der afrikanischen Westküste einst als Zahlungsmittel dienten
  • Hemden aus St. Galler Spitze, die es im Gepäck Schweizer Auswanderer in den Nordosten Brasilien geschafft hatten, um dort von afro-brasilianischen Religionen angeeignet zu werden
  • Kambodschanische Seidenstoffe aus gelben Fäden
  • Opiumpfeifen
  • Papieruhren
  • und so weiter und so fort…

Waren den Schülerinnen und Schülern diese Objekte auch unbekannt, heisst das doch nicht, dass keine Faszinationskraft von ihnen ausging. Eher im Gegenteil. Erhöht wurde die Faszinationskraft noch dadurch, dass die Objekte unmittelbar greifbar waren. Die Kinder konnten sie in die Hand nehmen, vorsichtig wiegen, drehen und wenden und … befragen. Angetreten war die Klasse mit der trügerisch einfachen Frage: «Was ist Geschichte?». Doch anders als im Unterricht üblich, sollte die Frage nicht mit Lehrbuchtexten, Filmen oder anderen Quellen aus zweiter Hand beantwortet werden, sondern mit Objekten aus erster Hand.

Zögerlich entschieden sich die Kinder, sei es allein, sei es in Gruppen, für das eine oder andere Objekt. Und ohne über allzuviel objektive Geschichtskenntnisse zu verfügen, hatten sie doch eine leise Ahnung von der Last der Geschichte, sprich: von den historischen Verwicklungen und Schicksalen, die einer Opiumpfeife, einer Tauschperle oder einem Elfenbeinmissionar eingeschrieben sind. Nur, wie bringt man diese Dinge dazu ihre Geschichte preiszugeben? Bedarf es dazu einer Zauberformel oder gibt Wikipedia die richtigen Antworten?

Tatsächlich bahnen weder Magie noch enzyklopädisches Wissen im Digitalformat den Zugang zur Geschichte. Erste Anhaltspunkte liefert dagegen die tastende Betrachtung. Formen und Materialien fallen nicht vom Himmel. Und so folgten die Kinder «ihrem» Objekt, das sie unter Anleitung des Museumsteams zu beforschen begannen, zunächst im Museum und später in allwöchentlichen Sitzungen in der Schule. Bei diesen langen und intensiven Gesprächen, ob einzeln oder in Gruppen, ging es nicht darum den Kindern den Weg zur schulischen Wahrheit zu weisen. Falsch und richtig blieben zunächst ausgeklammert. Entscheidender waren Inspiration und Motivation, die es nicht zu wecken, wohl aber zu bestärken und zu kultivieren galt – als unverzichtbarer Treibstoff zum Erwerb von Kompetenzen.

So konnte es passieren, dass eine Schülerin eine Papieruhr aus Hongkong (fälschlicherweise) als japanisches Produkt identifizierte, daraufhin die Gestaltung japanischer Dinge (vom Samuraischwert bis zum Sushi) zu analysieren begann, um schliesslich bei einer Art Kulturvergleich fernöstlicher und westlicher Ästhetik zu enden. Oder dass ein Schüler, angeregt vom gefährlichen Aussehen der Opiumpfeife, nicht den historischen Weg in Richtung der Opiumkriege beschritt, sondern über das Opiumderivat «Heroin» zu einer Untersuchung jener biologischen Prozesse kam, die der Drogenkonsum im menschlichen Gehirn auslöst.

Die Ergebnisse der Forschungsarbeiten wurden im Sommer zu einer Ausstellung gebündelt, die in der Halle des Museums zu sehen war. Diese Ausstellung hatte nicht den Charakter eines typischen Schulprojekts, sondern zeigte eher das freche Flair zeitgenössischer Kunst. Hier ist der Betrachter bekanntlich selbst schuld ist, wenn er etwas nicht zu verstehen meint…

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Als Teil der Jacobs Foundation hat sich das Johann Jacobs Museum der Förderung junger Menschen verschrieben. Durch Ausstellungen und Programme (zu Handelsgütern wie Kaffee, Kakao, Tee, Rohöl, Kautschuk und Seide) sucht es Kinder und Jugendliche mit der wechselvollen Geschichte der Globalisierung vertraut zu machen. Dabei setzt das Museum explizit auf die Sichtweisen und Erfahrungen der jungen Klientel.

Mit einem attraktiven Schulklassenprogramm will das Museum in Zukunft sein Bildungsanspruch vertiefen. Ein Projektteam, bestehend aus internen Mitarbeitern und externen Spezialisten, entwickelt derzeit ein digitales Tool für Sekundarschulen in der deutschsprachigen Schweiz.

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