Warum Imitation im Kleinkindalter wichtig ist

In den ersten Lebensjahren lernen Kinder neue Handlungen, den typischen Gebrauch von Objekten und die Grundlagen ihrer Muttersprache. Eine der faszinierendsten Fragen ist, wie junge Kinder in der Lage sind, in kurzer Zeit so viel neues zu lernen.

Die Entwicklungspsychologie geht davon aus, dass dies mit der bei Menschen außergewöhnlichen Fähigkeit zur Imitation, d.h. zur Nachahmung von etwas gesehenem oder gehörten, zu tun hat. In der Tat zeigen viele Studien, dass Kleinkinder eine Vielzahl an Verhaltensweisen imitieren, beginnend bei einfachen objektbezogenen Handlungen bis zu den Lauten ihrer Muttersprache. Alle Eltern kennen die erstaunte Reaktion, wenn ihr Kind Stunden oder manchmal sogar Tage später eine Handlung oder Redewendung wiederholt, die es vor einiger Zeit gesehen oder gehört hat. Dass die Fähigkeit zur Imitation ein wichtige Rolle in der Entwicklung spielt, belegen auch längsschnittliche Studien, die Zusammenhänge zwischen dem Ausmaß der Imitation in den ersten beiden Lebensjahren und der späteren sprachlichen und sozialen Entwicklung zeigten. Kein Wunder also, dass sich die Entwicklungspsychologie mit der Frage beschäftigt hat, wie sich die Fähigkeit zur Imitation entwickelt.

Imitation: Angeboren oder erlernt?

Einige der bedeutsamsten Entwicklungspsychologen wie etwa der Schweizer Jean Piaget gingen davon aus, dass sich die Fähigkeit zur Imitation im Laufe des ersten Lebensjahres entwickelt. Diese Annahmen änderten sich, als Andy Meltzoff und Kollegen Mitte der 70er Jahren Studien publizierten, mit denen sie nachweisen wollten, dass bereits wenige Stunden alte Säuglinge Imitation an den Tag legten. Da Neugeborene kaum zu zielgerichteten Bewegungen in der Lage sind, mussten die Forscher auf einfachste Handlungen zurückgreifen. So streckten sie beispielsweise den Säuglingen ihre Zunge heraus und erfassten, ob auch die Säuglinge ihre Zunge herausstrecken, d.h. die Forscher imitieren würden. Erste Ergebnisse wiesen darauf hin, dass dies der Fall sein könnte. Über 30 Jahre wurden diese und ähnliche Ergebnisse als Nachweis für angeborene Imitationsfähigkeiten akzeptiert und gingen als solche in die psychologischen und pädagogischen Lehrbücher ein.

In den letzten zehn Jahren mehrten sich jedoch die kritischen Stimmen. Die Befunde von Meltzoff und Kollegen beruhten beispielsweise auf kleinen Stichproben, die eher anfällig für Fehler sind. Einige neuere, groß angelegte Studien konnten keinen Nachweise für angeborene Imitationsfähigkeiten erbringen. Falls die Fähigkeit zur Imitation also nicht angeboren ist, wie entsteht sie dann?

Kinder lernen zu imitieren, indem sie imitiert werden

Eine aufregende Idee ist, dass Kinder das Imitieren dadurch lernen, dass sie durch andere imitiert werden. In der Tat zeigen Beobachtungsstudien zur Eltern-Kind-Interaktion, dass Eltern die Handlungen, Emotionen und Mimiken ihrer Kinder von früh an imitieren. Dies geschieht in einem Alter, in dem Kinder – nach den neuesten Erkenntnissen – selbst noch nicht imitieren können. Einige Forscher vermuten, dass junge Kinder durch die kontingente Imitation durch andere Personen Verknüpfungen zwischen den von ihnen ausgeführten Handlungen und den bei anderen beobachteten Handlungen erwerben, die die Grundlage der Entwicklung eigener imitativer Fähigkeiten bilden. Es gibt erste Ergebnisse aus Studien, die im Einklang mit dieser Überlegung sind. Allerdings fehlen noch größere Studien, die Kinder über die ersten Lebensjahre beobachten und die Entwicklung der Imitationsfähigkeiten genauer untersuchen.

Diese Studien laufen gerade. Im Rahmen eines von der Jacobs Foundation geförderten Projektes untersuchen wir gerade an der Universität München, inwieweit es Zusammenhänge zwischen dem mütterlichen Imitationsverhalten und der Entwicklung der Imitation von jungen Kindern gibt. Mit anderen Worten: Können die Kinder, die mehr von ihren Müttern imitiert wurden, auch selbst besser imitieren? Falls es sich bewahrheiten sollten, dass die Fähigkeit zur Imitation durch das Imitiert-Werden durch andere erworben wird, würde dies auch neue Möglichkeiten zur Förderung der Entwicklung von Imitation eröffnen. Wir blicken gespannt darauf, welche Ergebnisse die laufenden Studien erbringen werden.

 

Markus Paulus ist Entwicklungspsychologe und befasst sich mit der Entfaltung sozial-kognitiver Fähigkeiten und sozialer Verhaltensweisen in der frühen Kindheit. Insbesondere interessiert er sich dafür, wie kleine Kinder die Verhaltensweisen und Gedanken anderer Menschen verstehen, wie sie durch Beobachtung lernen und wie sie sich angewöhnen, mit anderen zu kooperieren. Ein weiterer Schwerpunkt ist seit kurzem die frühe Ausprägung prosozialer und moralischer Verhaltensweisen bei kleinen Kindern. Für seine Forschung nutzt er Verhaltensbeobachtung, Eye-Tracking und neurokognitive Methoden.

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