Stiftungen sind relevant

Gesellschaften entwickeln sich, immer wieder, immer weiter. Das Zusammenspiel einer Vielzahl gesellschaftlicher Akteure ist dafür verantwortlich. Dabei geht es um nicht mehr und nicht weniger als die Frage «Wie möchten wir künftig leben und arbeiten?». Der private Sektor und zivilgesellschaftliche Institutionen, wie Stiftungen, sind dabei seit jeher als Partner an der Seite des Staates. Wo würde die Schweiz stehen ohne das enorme, auch finanziell bedeutende zivilgesellschaftliche Wirken der Stiftungen, das den Staat entlastet und nicht belastet?

Stiftungen engagieren sich häufig in Bereichen, in denen die Wirtschaft nicht aktiv ist oder der Staat keine gesetzliche Aufgabe hat. Dabei sind Stiftungen einfacher in der Lage, neue Wege auszuprobieren. Sie können Risikokapital zur Verfügung stellen. Sie können ausloten und testen und können den Staat damit ergänzen, ohne ihn zu ersetzen. Selbstverständlich bedeutet so verstandene Stiftungsarbeit auch die Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung. Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, halten sich Stiftungen an wichtige Prinzipien wie Partnerschaftlichkeit, Professionalität, wissenschaftliche Fundierung, Transparenz und das Respektieren politischer Entscheidungsprozesse.

In der Schweiz sind Lösungen nur dann nachhaltig, wenn sie der politischen Kultur unseres Landes entsprechen, insbesondere dem Grundsatz der Subsidiarität staatlichen Handelns. Die in diesem Sinne verstandene Kultur der demokratischen Partizipation und Entscheidungs-findung geht weit über einen eng verstandenen politischen Raum hinaus. Gerade aus einem liberalen Verständnis heraus ist sehr zu begrüssen, dass sich engagierte zivilgesellschaftliche Akteure verantwortungsvoll in diesen gesellschaftlichen Dialog einbringen. Dabei ist eine differenzierte Debatte über die Rolle der Stiftungen sowie über die Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen von wirkungsvoller Förderung ganz im Sinne des Stiftungssektors. Die Annahme, Stiftungen seien «Brandbeschleuniger» für Verstaatlichungs- und Bürokratisierungstendenzen, verkennt jedoch die Wichtigkeit einer lebendigen und unabhängigen Zivilgesellschaft.

Stiftungen sollen und wollen wirkungsvoll sein. Dies gilt in einem hohen Masse auch seit über 25 Jahren für die Jacobs Foundation. Wir möchten, dass unsere evidenzbasierte und professionelle Stiftungsarbeit Folgen hat und Wirkung erzielt. Sonst würden wir unserem Stiftungszweck der Kinder- und Jugendentwicklung auch gar nicht nachkommen. Wir sehen Bildung dabei als einen Grundpfeiler im Leben künftiger Generationen und für unsere Gesellschaft von morgen. Bildung findet nicht nur in der Schule statt. Sie beginnt schon viel früher, bereits ab der Geburt im Kreis der Familie. Aber nicht alle Kinder haben die gleich guten Bildungs- und Entwicklungschancen.

Aus gesellschaftlicher Sicht und im Sinne der Chancengerechtigkeit ist es jedoch wichtig, dass alle Kinder ihr Potenzial voll ausschöpfen können – unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Wohnort oder dem Einkommen ihrer Eltern. Entlang unserer Prinzipien setzen wir uns daher seit langem in der Schweiz in enger Partnerschaft mit einer Vielzahl von zivilgesellschaftlichen, akademischen, politischen und wirtschaftlichen Partnern für eine fundierte Auseinandersetzung mit diesen Fragestellungen ein. Dabei wurden viele Erkenntnisse gewonnen und Lösungsansätze entwickelt. Diese gilt es nun in die öffentliche Debatte zu bringen, damit eine differenzierte politische Auseinandersetzung darüber stattfinden kann. Wenn dabei eine Stärkung der Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen die Folge ist, kann die Schweiz davon nur profitieren.

Sandro Giuliani
Geschäftsführer Jacobs Foundation

Dieser Beitrag erschien am 2. September 2017 als Gastkommentar in der NZZ.