Spielen zu Pandemiezeiten? Kinder lernen mehr über Keime

In diesen aussergewöhnlichen Zeiten ist die Gesundheit unserer Kinder wichtiger als je zuvor. Jacobs Research Fellow Elizabeth Bonawitz erzählt uns, wie Wissen über Keime hilft und wie Eltern die Neugier und Entdeckerfreude ihrer Kinder nutzen können.

Wie gehen Sie und Ihre Familie mit der ungewöhnlichen Situation um, in die wir alle durch COVID-19 geraten sind?
Ich bin in einer privilegierten Situation: Wir kümmern uns gemeinsam um die Kinder, ich arbeite von zuhause aus und wir haben alle Ressourcen, die wir gerade brauchen. In vielen Familien sieht die Situation aktuell völlig anders aus und sie müssen mit enormem Stress umgehen. Wir konnten für unsere Kinder einen Zeitplan aufstellen, der festlegt, wann sie an den aufgegebenen Schulaufgaben arbeiten, wann im Haushalt geholfen wird und vor allem, wann Zeit zum Spielen ist. Aber mir ist klar, dass solche Zeitpläne für viele Familien, die es gerade sehr schwer haben, unrealistisch sind.

Wird die Erziehung Ihrer Kinder durch Ihre Tätigkeit als Entwicklungswissenschaftlerin beeinflusst?
Ich beziehe meine Kinder zwar nicht in meinen eigenen Studien ein, aber es macht uns viel Spass, an den zahlreichen Onlinestudien von verschiedenen Laboren zur Kindesentwicklung teilzunehmen. Ich war an einer neuen Parent Researcher Collaborative (PaRC) beteiligt, also einer Forschungsgemeinschaft für Eltern, in der man sich mit seinen Kindern für verschiedene Onlinestudien anmelden und so zur Forschung beitragen kann. Die Studien sind meist lustige, 5- bis 30-minütige Spiele, die gemeinsam mit einem Forschenden durchgeführt werden

Im Hinblick auf die COVID-19-Pandemie sind Sie noch in anderer Weise tätig, oder?
Ja. Ich interessiere mich schon lange dafür, wie Kinder „intuitive Theorien“ entwickeln, kausale Überzeugungen über die Welt, die Vorhersagen und Erklärungen im alltäglichen Leben ermöglichen. Meine Kollegin Vanessa LoBue und ich beschäftigen uns unter anderem damit, welche Vorstellung Kinder von Keimen und Ansteckungswegen haben.

“Kürzlich haben wir in einer Umfrage betrachtet, wie sich die Gespräche zwischen Kindern und Eltern aufgrund der Pandemie verändert haben.”

Diese Forschung wurde nach dem COVID-19-Ausbruch vermutlich hochaktuell?
Absolut. Kürzlich haben wir in einer Umfrage betrachtet, wie sich die Gespräche zwischen Kindern und Eltern aufgrund der Pandemie verändert haben. Wenig überraschend haben wir festgestellt, dass Eltern mit ihren Kindern viel mehr über Massnahmen zum Schutz der Gesundheit sprechen, wie das Händewaschen. Wir wollen herausfinden, welche Art der Gespräche besonders dazu beiträgt, diese sicheren Verhaltensweisen zu verstärken.

Können also selbst kleine Kinder Krankheiten vorbeugen, wenn sie verstehen, was Keime sind?
Das ist zumindest unser Gedanke: Wir glauben, Verhaltensweisen wie Händewaschen können Kindern am besten nahegebracht werden, wenn sie bessere intuitive Theorien über Keime und Ansteckungen entwickeln. Wenn wir Wege finden, selbst sehr kleinen Kindern die Ursachen für Krankheiten zu erklären, beobachten wir vielleicht stärkere Verhaltensänderungen.

Ein Teil vom Lernprozess hängt davon ab, wie interessant die Inhalte für Kinder sind und was sie ihnen bedeuten. Daher haben wir untersucht, wie wir Kindern – vor allem im Vorschulalter – das Thema auf spielerische und lehrreiche Weise nahebringen können. Aktuell betrachten wir mehrere Optionen, wie ein Brettspiel, ein Bilderbuch und eine App.

“Kinder sind die leistungsstärksten Lernmaschinen, die es gibt.”

Das Spielen spielt demnach beim Lernen eine zentrale Rolle?
Definitiv. Kinder sind die leistungsstärksten Lernmaschinen, die es gibt, doch viele wissen nicht, dass Kinder auch sehr effektiv ihr eigenes Lernen vorantreiben können. Was für uns häufig „nur“ nach einem Spiel aussieht, sind in Wirklichkeit oft Lernaktivitäten.
Ich kann Eltern versichern: Kinder lernen momentan auch wenn sie nicht zur Schule gehen. Beispielsweise bauen sie in der Wohnung Burgen, indem sie alle Sofakissen aufstapeln und Bettlaken über diese wackligen Wände ziehen, und lernen dabei auch etwas über Physik und Gleichgewicht. Sie testen Hypothesen aus und passen ihr Vorwissen an die Ergebnisse an, sie verbessern ihre Planungs- und Problemlösungsfähigkeiten.

Sie untersuchen auch angeleitetes Spielen, was für alle Eltern relevant ist, die mit ihren Kindern zuhause sind. Haben Sie Tipps für Eltern?
Ein kürzlich erschienener BOLD-Artikel von Meredith Rowe zeigt: Qualität ist wichtig, nicht nur Quantität. Nutzen Sie die Zeit, auch wenn Sie nur eine Viertelstunde haben. Begeben Sie sich auf Augenhöhe mit dem Kind, stellen Sie Fragen und hören Sie seinen Ideen zu, sprechen Sie mit ihm statt zu ihm und seien Sie spielerisch und albern.
Wir wissen, dass angeleitetes Spielen ein sehr wichtiges Lernwerkzeug ist, doch vor allem ist das spielerische Lernen mit einem Elternteil von grosser Bedeutung für das emotionale Wohlbefinden. Bei all dem Stress, den die Pandemie verursacht, ist es für Kinder wichtig zu wissen, dass Sie sie lieben, für sie da find und ihnen helfen, mit der Situation zurechtzukommen. Die Kinder sollten erfahren, dass es in Ordnung ist, etwas Albernes zu tun, statt nur stark strukturierten, didaktischen und potenziell stressigen Aktivitäten nachzugehen.

Elizabeth Bonawitz
Elizabeth Bonawitz forscht als Jacobs Research Fellow im Bereich der Lernwissenschaft. Sie verbindet empirische Forschung zu kognitiver Entwicklung mit computerbasierten Lernmodellen und untersucht mithilfe von Laborexperimenten, wie Kinder durch Beobachtung, Lehrpersonen und eigene Interventionen (Spielen) lernen. Die Computermodelle helfen zu erklären, warum in diesen unterschiedlichen Kontexten Lernprozesse stattfinden, und gehen dabei von der Vorstellung aus, dass der Verstand eine Art Computer ist, der aus Erfahrungen gewonnene Informationen verarbeitet.

Wir verwenden Cookies, um einen guten Webservice zu ermöglichen. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

OK