Neue Schweizer Erkenntnisse zu Kitabesuch und Schulerfolg

Wie hängt die Bildungsentwicklung und das Sozialverhalten von Kindern mit familienergänzender Kinderbetreuung im Vorschulalter zusammen? Antworten aus der Schweiz liefert das neue Whitepaper, das Professor Andreas Balthasar für die Jacobs Foundation erarbeitet hat. Im Interview erläutert er, wieso das Whitepaper so bemerkenswert ist.

Das Whitepaper “Engagement in der frühen Kindheit: Fokus Kind” bezieht sich zum ersten Mal auf hochwertige Daten aus der Schweiz. Wieso ist das so wichtig?

Damit die Politik fundierte Entscheidungen fällen kann, ist sie auf gut fundierte wissenschaftliche Grundlagen angewiesen. Die bisher verfügbaren Studien, welche den Nutzen eines politischen Engagements in der frühen Kindheit darlegen, sind häufig älteren Datums; beziehen die typisch schweizerischen Gegebenheiten nicht ein; oder sie haben nur einen kurzen Betrachtungshorizont. Die im Whitepaper zusammengefassten drei Studien sind deshalb so wertvoll, weil sie diese Schwächen nicht haben: Sie berücksichtigen den Schweizer Kontext mit unseren Angeboten der familienergänzenden Kinderbetreuung, unserem Schulsystem und unserer Kultur. Zudem handelt es sich um Längsschnittstudien mit einem Beobachtungszeitraum von zum Teil mehr als zwanzig Jahren.

Was sind die Resultate? Wirkt sich die familienergänzende Betreuung auf Kinder positiv oder negativ aus?

Die Resultate zeigen, dass der Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Kinder und familienergänzender Kinderbetreuung komplex ist. Ich sehe den Wert dieser wissenschaftlichen Studien gerade darin, dass die Befunde differenziert sind und sowohl positive wie negative Wirkungen aufzeigen. Es gibt zum Beispiel Hinweise, dass eine familienergänzende Betreuung unter speziellen Bedingungen mit Problemverhalten wie Aggressivität oder Ängstlichkeit zusammenhängen kann.

Insgesamt überwiegen aber die positiven Effekte. So besteht ein positiver Zusammenhang zwischen dem Besuch einer Kinderkrippe und Indikatoren der schulischen Entwicklung – zum Beispiel in Form höherer Schulnoten in Mathematik oder einer erhöhten Wahrscheinlichkeit, ans Gymnasium zu kommen.

Das Whitepaper zieht auch drei Schlussfolgerungen für die Politik. Welche sind es?

Die Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass drei Aspekte beachtet werden müssen, damit familienergänzende Kinderbetreuung ihre positive Wirkung bestmöglich entfalten kann:

  • Wichtig ist der Umfang familienergänzender Kinderbetreuung: Positive Wirkungen haben sich vor allem dann feststellen lassen, wenn Kinder zwei bis drei Tage pro Woche von Angeboten der frühen Bildung, Betreuung und Erziehung profitieren konnten.
  • Die Qualität der Betreuung ist ausschlaggebend für deren Wirkung: Es gilt vereinfacht gesagt «je höher die Qualität, desto besser»; einerseits bezüglich der Förderung der kindlichen Entwicklung, andererseits in punkto Prävention von negativen Verhaltensweisen.
  • Sprachförderung ist der Schlüssel zum Erfolg: Mit früher Sprachförderung sind benachteiligte Kinder in ihrem weiteren Bildungsverlauf weniger auf spezielle Fördermassnahmen angewiesen.

Das Whitepaper fasst drei Studien von verschiedenen Forschungsinstituten zusammen. Doch es gibt sicher noch Kenntnislücken. Was sollte weiter untersucht werden, damit man eine effektive und effiziente Kinderbetreuung in der Schweiz gestalten kann?

Ich denke, zuerst braucht es einmal gute Daten. Sobald Kinder in die Schule kommen, verfügt das Bundesamt für Statistik über Informationen zum Bildungsverlauf und später zur Berufstätigkeit. Was fehlt, sind jedoch Daten zur frühen Förderung. Da die frühe Förderung eine kantonale Angelegenheit ist, braucht es eine Initiative, zum Beispiel der Konferenz der Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren damit die Kantone Informationen zur frühen Förderung systematisch sammeln und an das Bundesamt für Statistik weitergeben.

Eine zweite wichtige Lücke sehe ich bei der Erfassung und der Analyse der Qualität der frühen Förderung. Zunächst braucht es eine allgemein anerkannte Definition dessen, was gute Qualität in der frühen Förderung ausmacht. Weiterhin müssen Erhebungsinstrumente zur Untersuchung der Qualität entwickelt und getestet werden und schlussendlich braucht es breit angelegte Erhebungen dazu. Der von der Jacobs Foundation entwickelte QualiKita Standard könnte dann als Instrument zur Weiterentwicklung der Qualität in Kitas genutzt werden.

Der Anfang einer fundierten Analyse der Wirkungen der frühen Förderung in der Schweiz ist gemacht, es gibt aber noch viel zu tun!

Andreas Balthasar, Interface

Professor Andreas Balthasar lehrt an der Universität Luzern. Er forscht zu Themen der Gesundheitsversorgung und zur evidenzbasierten Politikgestaltung. 1991 gründete Andreas Balthasar das private Forschungsinstitut Interface – Politikstudien Forschung Beratung. In diesem Zusammenhang wirkt er Evaluations- und Strategieberater für verschiedene Bundesämter.

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