Mehr Mehrsprachigkeit!

Wilfried Griebel ist Diplom-Psychologe am Staatsinstitut für Frühpädagogik in München. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf den Übergängen von vorschulischen Bildungseinrichtungen in das formale Schulsystem. Er ist Autor zahlreicher Bücher zum Thema Transitionen in der Bildungslaufbahn von Kindern.

Was fasziniert Sie an Ihrer Forschung?

Die Bewältigung von Veränderungen in Familien im Zusammenwirken mit Bildungseinrichtungen berühren den Lebensweg von Kindern, ihre Rechte auf Bildung und Beteiligung. Daran reizen mich nicht nur reine Forschungsfragen, Theorie und Methoden, sondern auch die gesellschaftliche Relevanz. Als Mitglied des Deutschen Kinderschutzbundes, Landesverband Bayern, setze ich mich für Kinderrechte ein.

Sie haben unter anderem das Curriculum Übergang in die Schule und Mehrsprachigkeit (mit-) geschrieben. Die Mehrsprachigkeit von Kindern, deren Familiensprache nicht die nationale Schulsprache ist, steht dabei im Vordergrund.  Was raten Sie Lehrern, wie sie den Übergang in die Schule erfolgreich (mit-) gestalten können?

Aus meiner Sicht ist es wichtig die Kommunikation und Partizipation mit allen Beteiligten zu führen, vorrangig den Eltern. Es gilt, die Familiensprachen sichtbar zu machen und ernst zu nehmen. Ich ärgere mich häufig, wenn über Sprachstandserhebungen und dann falsch verallgemeinernd über gruppenbezogene „Sprachkompetenzen“ mehrsprachiger Kinder berichtet wird. Dabei werden oft ihre zu einem bestimmten Zeitpunkt erhobenen Kenntnisse der Schulsprache fälschlicherweise als ihre generelle sprachliche Kompetenz dargestellt. Mehrsprachige Kinder können aber mehr und wenn Lehrkräfte mehr darüber wissen, werden sie deren Potenziale nicht unterschätzen und entmutigen.

Was empfehlen Sie Eltern, wie sie ihre Kinder bestmöglich beim Übergang in die Schule unterstützen können?

Ich empfehle, dass sie sich möglichst gut über das informieren, was die Schule von ihren Kindern und von ihnen als Eltern erwartet: Über guten Kontakt mit den Fachkräften, mit den Lehrkräften, mit erfahrenen Eltern. Vielleicht etwas überraschend: Dafür sorgen, dass die Kinder auch gesundheitlich fit sind.

An Ihrem Buch haben gemeinsam Forscher und Experten aus Schweden, den Niederlanden, Deutschland, Lettland und Rumänien gearbeitet. Was kann Deutschland aus Ihrer Sicht von den anderen Ländern lernen?

Aus meiner Perspektive am wichtigsten: Sich vorstellen können, dass Schule auch anders aussehen kann, als wir es in Deutschland kennen und für unveränderlich halten. Schule für jüngere Kinder wie in den Niederlanden sieht anders aus als unsere deutsche Schule. Viele sprachliche Minderheiten, die nicht über Zuwanderung entstanden sind, wie in Lettland und Rumänien, erfordern einen anderen Umgang und eine andere Haltung in Bezug auf Mehrsprachigkeit. In Schweden wird jede Sprache als Schatz angesehen und Mehrsprachigkeit über Unterricht auch in Familiensprachen unterstützt. Unternehmendes Lernen, das die Kinder als aktive Lerner und Gestalter ihres Lebens und nicht nur als Rezipienten ernst nimmt, kennzeichnet darüber hinaus den Unterricht in Schweden.

Wilfried Griebel, Diplom-Psychologe, Staatsinstitut für Frühpädagogik, München

Wissenschaftlicher Referent von 1982–2017 im Staatsinstitut für Frühpädagogik in München, ab 1993 mit dem Schwerpunkt Übergänge zwischen Familie und Bildungseinrichtungen, das heisst von der Familie in die Krippe und in den Kindergarten, vom Kindergarten in die Grundschule und von der Grundschule in weiterführende Schulen.

Staatsinstitut für Frühpädagogik