„Noten sind unnötig!“

Eckhard Klieme ist Bildungsforscher und Professor für Erziehungswissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt/Main sowie Direktor der Abteilung „Bildungsqualität und Evaluation“ am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF). Die Redaktion führte ein Interview mit ihm während der diesjährigen Jacobs Foundation Conference auf Schloss Marbach am Bodensee.

Ziel der Konferenz war es, führende Wissenschaftler zusammen zu bringen und einen interdisziplinären Dialog über die aktuellen und zukünftigen Forschungsfragen zu kultureller und sprachlicher Heterogenität im Bildungsbereich anzuregen.

Ist es besser mein Kind in eine Schule mit Noten oder in eine Schule ohne Noten zu schicken?
Aus meiner Sicht brauchen Schulen keine Noten und es gibt auch viele Hinweise darauf, dass Noten kontraproduktiv sind in pädagogischen Prozessen. Noten eignen sich nicht, um wirklich informatives und unterstützendes Feedback zu geben, sondern Noten haben immer den vergleichenden Aspekt. Noten werden dann relevant, wenn Auswahlprozesse betrieben werden, also am Abschluss von Bildungsgängen, Dann sind Noten sinnvoll und notwendig, denn es gehört zur gesellschaftlichen Funktion von Schule, Kriterien für Übergangsentscheidungen bereit zu stellen. Für den eigentlichen Lehr- und Lernprozess braucht man in unserem System für die Schuljahre eins bis acht die Noten nicht. Man sollte stattdessen Lehrer dazu bringen, dass sie differenziertes Feedback geben.

Eine Note setzt sich aus verschiedenen Faktoren zusammen. Sind gute oder schlechte Noten besser um Schüler zu motivieren?
Ich erinnere mich manchmal mit Schaudern an den Lateinlehrer, der mir jahrelang keine Eins in Latein geben wollte, weil er dachte, ich sei danach nicht mehr motiviert. Es sind gängige Strategien, dass Lehrkräfte Noten strategisch einsetzen, zur Bestrafung und zur Belohnung, oder um ein Aspirationsniveau aufrechtzuerhalten. Das ist ein Missbrauch, weil es nicht durchschaubar ist – weder von den Schülern noch von den Mitschülern, noch von den Eltern. In guten Schulen führt die Lehrkraft regelmässige Entwicklungsgespräche mit Schülern und deren Eltern.

Ein Blick auf Deutschland: Was ist fairer für die Schüler – Zentralabitur oder lokales Abitur?
Ich bin ein Verfechter eines modularisierten Prüfungs- und Zertifizierungssystems. Wir brauchen zentrale Komponenten, damit Lehrkräfte ihr Urteil mit überregionalen Bewertungsmassstäben vergleichen. Gleichzeitig denke ich, dass es lokale Komponenten geben muss, weil die angepasst sind an die tatsächlichen Lernsituationen, und weil darin Merkmale, Beobachtungen und Indikatoren einfliessen können, die dem einzelnen Schüler in seinem Lernkontext gerecht werden. Eine Art von gewichtetem Mittel zwischen Creditpoints, die über mehrere Schuljahre erworben sind, plus Leistungen am standardisierten, zentralisierten Prüfungsabschnitt sowie Leistungen am lokal gestalteten, vielleicht mündlichen oder interaktiven Prüfungsabschnitt, das wäre das Optimum.
Eine Abschlussprüfung wie wir sie aus den USA kennen, allein auf der Basis von standardisierten Tests, vielleicht sogar mit Multiple Choice Aufgaben, die überall gleichzeitig bearbeitet werden, ist weder pädagogisch sinnvoll noch fair.

Kommen wir zum internationalen Vergleich: Warum sind die Schulen in Deutschland besser als in den USA, aber die Universitäten wiederum in den USA besser als in Deutschland?
Ich sehe nicht, dass die Schulen in Deutschland eindeutig besser sind, als in den USA. Die Testleistungen in PISA, also bei 15-Jährigen, sind in Deutschland höher, aber für die Grundschule gilt eher das Gegenteil. Also scheinen nur unsere weiterführenden Schulen besser zu arbeiten als in den USA. Viele Experten, gerade auch amerikanische Experten, führen das auf die Qualifikationen der Lehrerschaft und die Qualität der Lehrpläne im Sekundarbereich zurück.
Was die Hochschulen anbelangt, glaube ich, lässt sich das überhaupt nicht vergleichen, weil wir nicht dieses System von Research Universities versus Teaching Universities oder Colleges in Deutschland haben. Es gibt keine belastbare internationale Vergleichsstudie über die Leistungen von Studienabgängern.
Ein Community College in den USA ist bei uns mit einem Berufskolleg vergleichbar, und die Stanford University oder Harvard, die auch Bachelor Abschlüsse vergeben, sind jenseits dessen, was bei uns eine normale Universität erreicht.
Ich denke, wir haben in Deutschland enorme Probleme in unserem Hochschulwesen, was die Betreuung der Studierenden und die pädagogische Qualität der Hochschullehre anbelangt. Wenn ich vergleiche, wie Seminare bei uns gestaltet werden und wie sie schon in den Niederlanden aussehen oder in England, dann habe ich immer den Eindruck, ich muss mich eigentlich als Vertreter des deutschen Hochschulsystems schämen, zum Beispiel dafür, dass wir Seminare mit 60 Teilnehmern machen, was bei mir in Frankfurt die Realität ist. Das würde niemand in den Niederlanden oder in England akzeptieren, weil die Qualität darunter leidet.

Wie kann das verbessert werden?
Wir brauchen grundsätzlich Veränderungen. Ich denke, schon in der Ausstattung der Hochschulen, in der Bedeutung der Lehre, in den Ressourcen. Wir brauchen neue Konzepte. Anstatt viel Zeit in Vorlesungen zu verbringen, sollten wir die Vorlesungen online stellen und dann die Zeit der Lehrenden dafür nutzen, um mit den Studierenden zu interagieren. Mehr interaktive Lernformen oder eine Mischung von Lernformen. Wir sind ja auch in der Nutzung von Medien und digitaler Infrastruktur, denke ich, nicht auf der Höhe der Zeit.

Auf die Schule bezogen sollten Schüler und Schülerinnen im Sinne von verbesserter Selbstevaluation lernen, sich selbst zu bewerten, anstatt darauf zu warten, dass jemand ihnen eine Note gibt. Und dann sollten sie die Rückmeldung der Lehrkraft nutzen, um das eigene Erleben und eben diese Selbstbewertung wiederum zu adjustieren, zu verbessern. Im Sinne der Kompetenzorientierung geht es darum, selbst ein Verständnis davon zu bekommen, was es heisst, kompetent zu sein. Als Schüler, als Schülerin sollte ich mir selbst Ziele setzen können und den Fortschritt in der Kompetenzentwicklung selbst bewerten, damit ich stärker zu einem selbstgesteuerten Lerner werde. Dazu brauchen wir aber andere Formen von Diagnostik und Rückmeldungen, wie zum Beispiel weniger Noten, mehr Kompetenzraster und ähnliche Instrumente, vor allem Entwicklungsgespräche zwischen Lehrkraft und Schülern.

Werden die Lehrkräfte heutzutage entsprechend dafür ausgebildet?
Ich denke, da hat sich in Deutschland sehr viel getan und tut sich noch. Die Kultusministerkonferenz hat Kompetenzvorstellungen und Standards für Lehrkräfte entwickelt, die an den tatsächlichen beruflichen Anforderungen ausgerichtet sind, wie zum Beispiel Unterricht halten, Unterricht gestalten und Schüler angemessen bewerten, aber auch Erziehen und Schule gemeinsam gestalten. Die Qualitätsoffensive Lehrerbildung kommt jetzt hinzu.

Warum macht Deutschland nur so schleichend Fortschritte in den Pisa-Rankings?
Ich fand die gar nicht langsam, jedenfalls in dem ersten Jahrzehnt. Die Kompetenzentwicklung eines einzelnen Schülers in einem Lernprozess voranzubringen, ist etwas ganz anderes, als ein System von immer neuen Kohorten dazu zu bringen. Das geht, wenn überhaupt, sehr langsam. Leider haben die Öffentlichkeit und die Politik in den meisten Ländern, auch in Deutschland, keine Vorstellung davon, in welchen Zeitdimensionen sich Veränderungen des Bildungssystems abspielen. Die brauchen Zeit. Man führt eine neue Schulform ein, ändert einen Lehrplan oder implementiert Bildungsstandards und denkt, drei Jahre später muss die Welt besser sein. So einfach geht es nicht.

Im Prinzip war die Entwicklung über mehr als zehn Jahre hinweg stetig und sie bezog sich auf alle drei gemessenen Bereiche: Als Erstes war in den Naturwissenschaften sichtbar, dass die Schülerleistungen sich verbessert haben. Dann hat die Mathematik nachgezogen, und zum Schluss auch das Lesen.