»Lebenslinien« im Johann Jacobs Museum

Eine Ausstellung im herkömmlichen Sinne besteht in der Regel aus einem Raum, einigen Exponaten, Text, eventuell auch Videos und Ton. Nicht selten sind die Objekte unter einem übergreifenden Thema zusammengetragen oder man stellt anderweitig komplementäre Kunstwerke aus – von Künstlern konzipierte und geschaffene Arbeiten mit anderen Worten, meist aus dem Atelier. Besucher durchschlendern solche Ausstellungen gemessenen Schritts oder sitzen einfach still da; dann wiederum gibt es die, die eintauchen, zuhören, die in die eingehende Betrachtung der Exponate versunken sind.  Aber wir sprechen hier wie gesagt von Ausstellungen im herkömmlichen Sinn. Die Ausstellung »Lebenslinien« im Johann Jacobs Museum versteht sich dagegen eher als Work in Progress. Wir nehmen das Motto der Ausstellung durchaus wörtlich. 

Im Mittelpunkt der »Lebenslinien« steht eine Gruppe von etwa fünfzehn Teenagern. Seien sie aus Argentinien, der Ukraine, Afghanistan oder Syrien, diese jungen Leute kamen, einer wie der andere, auf einem langen, oft nicht ganz ungefährlichen Weg in die Schweiz. Auf eine Schweizer Schule zu gehen, war an sich schon eine Art Experiment für sie, nicht zuletzt der Sprache wegen, da keiner von ihnen mit der deutschen Sprache (oder Schwyzerdütsch) aufgewachsen ist. 

Diese jungen Leute fanden sich schliesslich in einer so genannten »Integrationsklasse« wieder. Diese Klasse aus Volketswil im Kanton Zürich wird unter anderem von Walter Riedweg unterrichtet, der ein bildender Künstler, gebürtiger Schweizer und eine Hälfte des bekannten Künstlerduos Dias & Riedweg ist. Walter lebt zwar in Rio de Janeiro, kommt aber zweimal im Jahr in die Schweiz, um hier Kinder zu unterrichten, die eine Herausforderung für konventionelle Schulnormen darstellen. 

Wenn also keiner Ihrer Schüler Deutsch spricht (oder nur einige Brocken), müssen Sie sich eben etwas einfallen lassen, was auch immer Ihnen an Fähigkeiten und Intuition zur Verfügung steht: Theater, Improvisation, Musik – das ganze Spektrum menschlichen Ausdrucksvermögens bietet sich an. Für einen solchen Ansatz ist der strenge Rahmen konventioneller Schulen (von der Betonarchitektur bis hin zum Stundenplan) womöglich  nicht der günstigste Ausgangspunkt. Warum also nicht gleich einfach raus aus dem Gebäude und, ja, warum nicht, ins Museum gehen? In einem Museum lässt sich allerhand entdecken und diskutieren – schon gar wenn man keine Ahnung hat, was einen erwartet: eine Fliese mit einer in arabischer Kalligraphie geschriebenen Sure des Korans oder eine Opiumpfeife aus Schildplatt – womöglich gar das furchterregende Foto eines haitianischen Zombies aus den 1930er-Jahren. 

So besuchte Walter immer wieder mit seinen Schülern das Johann Jacobs Museum. Letzteres wirkt – seiner bescheidenen Größe wegen – irgendwie weniger bedrohlich als andere, imposantere Einrichtungen dieser Art. Für Walters Schüler holten wir einige Exponate aus ihren Vitrinen und ließen sie – mit der Bitte um sorgsame Behandlung – reihum gehen: so zum Beispiel eine im 19. Jahrhundert von den Yoruba handgefertigte Büste von Königin Viktoria. Niemand kann sich der Anziehungskraft dieses Werks entziehen. 

Mit Ausnahme eines Jungen, wie es scheint, der offensichtlich mit seinem Smartphone beschäftigt ist. Etwas irritiert, frage ich ihn:
»Was gibt’s denn so Wichtiges?«
»Ich habe einem Freund im Libanon ein Foto der Queen geschickt.«
Und tatsächlich sieht mich von Wasems Display aus ein Teenager im weißen T-Shirt an. Er scheint in einem Zelt zu sitzen und spricht uns auf Arabisch an. Dank Wasems Übersetzungs-App kann ich seine Fragen verstehen.
»Wo bist du denn, was machst du?«
So haben die »Queen«, moderne Technik und ein nomadischer Internetzugang dem Johann Jacobs Museum einen fernen Besucher beschert. Diese Erfahrung brachte uns darauf, uns in  den folgenden Wochen Idrisis berühmte Karten vom Mittelmeerraum aus dem 12. Jahrhundert anzusehen. 

Im März war dann plötzlich Schluss mit dem Unterricht. COVID-19 übernahm das Regime; Angst lag in der Luft. Plötzlich ganz auf sich gestellt, riefen die jungen Leute bei Walter an. Was tun? So machten wir uns denn, nicht zuletzt inspiriert durch die Khan Academy, an den Aufbau einer eigenen Online-Plattform. Obwohl wir uns nicht eigentlich zu Lehrern berufen sehen. Sicher, wir verfügen über so einige Kenntnisse, aber womöglich wissen diese Teenager im Grunde ja mehr – oder vielleicht sollte man besser sagen Relevanteres – als wir? Und in diesem Augenblick erblickte die Idee für die »Lebenslinien« das Licht der Welt: Warum werfen wir nicht gemeinsam einen Blick auf die unterschiedlichen Wege, die jeden von uns hierher gebracht haben. Müsste diese Wege nicht – Strandgut gleich – ein regelrechter Schatz von Erfahrungen säumen? Nehmen wir nur den Jungen aus Afghanistan, der als »unbegleiteter minderjähriger Flüchtling« in der Schweiz gelandet war – obwohl er eigentlich hatte nach Schweden wollen. Nur hatte er sich, wie einst Kolumbus, so ein klein bisschen hinsichtlich des Ziels vertan. Ein womöglich noch besseres Beispiel für diese Art von Reise bietet Ibn Battuta. Er war 1325 als Einundzwanzigjähriger in Marokko zur Hadsch nach Mekka aufgebrochen, um neunundzwanzig Jahre später – nach der Begegnung mit Sultanen, Khanen, Kaisern, Piraten und dem Schwarzen Tod – wieder nach Hause zurückzukehren; in dieser Zeit hatte er »Wüsten durchgequert, Kinder auf mehreren Kontinenten gezeugt und als Kadi und Höfling gedient«. 

So trugen wir denn im Verlauf des Sommers auf unserer Online-Plattform Daten zusammen: Musik, sei es die der Teens oder ihrer Eltern, Filme, Erinnerungen an Dörfer, Städte, Lager oder Straßen, die diese jungen Menschen – nicht selten bei Nacht und Nebel – genommen hatten; Erinnerungen an die Gerüche der Jahreszeiten oder an Träume, die ihnen in Erinnerung geblieben sind … Alle diese Daten tragen zur Erhellung der Begegnung eines Einzelnen mit der Geschichte bei. 

»Lebenslinien«, die Ausstellung, sieht sich als Versuch, dem hochkomplexen, von dieser Schülergruppe in monatelanger Kleinarbeit zusammengetragenen Datenschatz eine Form zu geben – es gibt ja nicht eigentlich ein Narrativ. Und die Formgebung ist nun einmal eine der großen Leistungen der Kunst. Ein Narrativ bedeutet Kohärenz, und eben sie fehlt in so vielen Lebensgeschichten, in denen das Schicksal oder die Geschichte – oder beides – die Lebenslinie irgendwo unterbrach. 

Wie schon eingangs gesagt, ist das Projekt nicht als Museumsausstellung im herkömmlichen Sinne gedacht. Eher als ein Neubeginn – ein weiterer von vielen.

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