Moralentwicklung und ihr Einfluss auf die Gesellschaft

Die Forschung von Yale-Professor Paul Bloom über die Ursprünge und die Entwicklung von moralischem Denken und Verhaltensweisen bei Kindern schlägt auch ausserhalb der USA Wellen: Die Jacobs Foundation mit Sitz in Zürich verleiht Paul Bloom den mit einer Million Schweizer Franken dotierten Klaus J. Jacobs Research Prize 2017. Mit diesem Preis wird jedes Jahr herausragende Forschungsleistung von hoher sozialer Relevanz ausgezeichnet. Ausserdem vergibt die Stiftung jährlich einen Preis an eine besonders engagierte Institution, die innovative Lösungen im Bereich der Kinder- und Jugendentwicklung in die Praxis umsetzt: 2017 geht der Klaus J. Jacobs Best Practice Prize an War Child in den Niederlanden. Beide Preise werden am 1. Dezember im Rahmen einer Festveranstaltung an der Universität Zürich überreicht.

Zürich/New Haven/Amsterdam, 2. Oktober 2017 – Werden Kinder bereits mit elementaren Moralvorstellungen geboren oder sind Babys kleine Soziopathen, die Moral und Empathie erst noch lernen müssen? Wie sich das Verständnis von Gut und Böse bei Kindern entwickelt, hat tiefgreifende Folgen dafür, wann und wie wir Moralentwicklung fördern und Interventionsprogramme einsetzen, um gerechtere und fairere Gemeinschaften aufzubauen.

 Prof. Paul Bloom erhält den Klaus J. Jacobs Research Prize 2017

Trotz dieser Fähigkeit des vernünftigen Denkens sind die Handlungen von Erwachsenen oft weiterhin von Gefühlen motiviert, insbesondere ihre Empathiefähigkeit. In seinem neuesten Buch, Against Empathy, argumentiert Bloom, dass Empathie blendet, das Urteilsvermögen stört und oft zu Grausamkeiten führt. Das trifft besonders auf Kriegssituationen zu, wenn Mitleid mit den Opfern zu emotionalen Reaktionen führt. Bloom schlägt daher vor, auf Mitgefühl, Vernunft und eine Nutzwertanalyse zu bauen. Dabei definiert er Mitgefühl als „die Sorge um andere und den Wunsch, dass es ihnen gut geht“ und beschreibt damit ein generelles Wohlwollen allen Menschen gegenüber – nicht nur den eigenen Landsleuten gegenüber. Damit ist Mitgefühl fairer und moralischer als Empathie. Mit dem Preisgeld möchte Professor Bloom die Ursprünge der Moralpsychologie weiter erforschen, insbesondere wie sie sich im Laufe der kindlichen Entwicklung verändert.

War Child erhält den Klaus J. Jacobs Best Practice Prize 2017

Die Arbeit von War Child beruht auf der Achtung vor dem Leben aller Menschen, egal welcher Herkunft, und ergänzt so die Forschung von Yale-Professor Paul Bloom in der Praxis. Der Klaus J. Jacobs Best Practice Prize 2017 wird der Organisation mit Sitz in den Niederlanden für ihre Bemühungen verliehen, das Leben von Kindern in Kriegsregionen weltweit zu verbessern, indem ihr psychosoziales Wohlbefinden gestärkt wird und sie emotionale Resilienz für ihre Zukunft entwickeln.

Blooms Forschung zu Moralentwicklung und -verhalten bei Kindern ist von hoher Relevanz für die Regionen, in denen War Child aktiv ist, da die Menschen dort häufig die eigene ethnische, religiöse, politische oder nationale Gruppe „den anderen“ vorziehen. Unter diesen Bedingungen sind Kinder nur selten in der Lage, „rationales Mitgefühl”, wie Paul Bloom es nennt, für jene zu entwickeln, die nicht zum eigenen Personenkreis gehören.
„Mit unseren Interventionsprogrammen fördern wir die Entwicklung von Mitgefühl mit jenen, die nicht zum eigenen Kreis gehören. So können die Kinder zusätzlich zur emotionalen Empathie auch die kognitive Empathie erlernen“, sagt Tjipke Bergsma, Geschäftsführer von War Child in den Nierderlanden.

Das am häufigsten eingesetzte Programm von War Child heisst „I DEAL”. Hier lernen Kinder in kreativen Gruppensitzungen, ihre Gefühle auszudrücken, schwierige Situationen zu kommunizieren und anzugehen sowie Beziehungen zu Gleichaltrigen, Familienmitgliedern und anderen Erwachsenen aufzubauen. Weitere Programme richten sich an Lehrer, Eltern und andere Betreuungspersonen, mit dem Ziel, die Kinder zu unterstützen und zu schützen sowie die Stigmatisierung in der Gemeinschaft zu reduzieren. Mit dem Preisgeld wird War Child die eigenen Programme weiterhin sorgfältig testen und evaluieren, um ein umfassendes, evidenzbasiertes System zur Betreuung von Kindern zu schaffen, die von bewaffneter Gewalt und Krieg betroffen sind. Dieses System soll nach Bedarf erweitert oder von anderen Organisationen eingesetzt werden können. Zurzeit ist War Child in 15 Ländern tätig und arbeitet mit knapp 400.000 Kindern.

Die Klaus J. Jacobs Awards werden am 1. Dezember 2017 im Rahmen einer Festveranstaltung an der Universität Zürich überreicht. Im Vorfeld der Preisverleihung findet ein wissenschaftliches Symposium zu Ehren des Preisträgers Paul Bloom statt. Es trägt den Titel „Grenzen der Wissenschaft bei der menschlichen Entwicklung: von der moralischen Intuition bei Babies hin zur ungeordneten Moral von Erwachsenen“.

Medien Kontakt
Alexandra Güntzer
alexandra.guentzer@jacobsfoundation.org