Kaffee aus Helvécia

Eine der grössten Kaffeeplantagen des 19. Jahrhunderts, gelegen im brasilianischen Nordosten, war fest in schweizerischer Hand. Was genau sich dort zutrug, ist aber weitgehend unbekannt. Der heutige Zustand von Helvécia jedenfalls gibt kaum Aufschluss über die freiwilligen und unfreiwilligen Arbeits- und Lebensformen, die sich damals zwischen den europäischen Einwanderern und afrikanischen Sklaven sowie deren freien Nachkommen entwickelt haben.

Gut ein Jahrhundert später wird eine andere Kaffeeplantage Schauplatz eines gesellschaftlichen Experiments; der brasilianische Architekt und Schriftsteller Flávio de Carvalho (1899-1973) begründet auf der Fazenda Capuava Ende der 1930er Jahre eine unabhängige Republik für «nackte Menschen» (d.h. für Menschen, die es ablehnen nach sozialer oder ethnischer Zugehörigkeit, Nationalität, Geschlecht usw. kategorisiert zu werden).

Copyright: Denise Bertschi

Formen von Gemeinschaft, die sich aus Migrationsschicksalen, Sklaverei, Güternachfrage, Arbeitsverhältnissen und utopischen Phantasien ergeben, stehen im Zentrum dieser Ausstellung. Bestückt mit Dokumenten aus brasilianischen Archiven, Aquarellen aus der Pinacoteca und Artefakten aus dem Museu Afro-Brasil in São Paulo sowie einer zeitgenössischen Video- und Textilarbeit der Künstlerin Denise Bertschi wird ein zentrales Kapitel der Schweizer Kolonial- und Verflechtungsgeschichte beleuchtet.

Konzept: Marcelo Rezende (Direktor des Archivs der Avantgarden in Dresden) mit Eduardo Simantob

 


Veranstaltungshinweise

29. August, 19 Uhr:
Vernissage mit dem Kurator Marcelo Rezende

2. September ab 19 Uhr:
Lange Nacht der Museen mit brasilianischer Musik (Gitarrist Raimundo Bida dos Santos) und Gaumenfreuden (Feijoada).

7. September, 19 Uhr:
Konzert mit dem Gitarristen und Sänger Raimundo Bida dos Santos aus Salvador da Bahia. Bida ist ein profunder Kenner und gefühlvoller Interpret des musikalischen Materials aus der Zeit der Sklaverei und Plantagenwirtschaft.

4. November, 11. November und 9. Dezember jeweils nachmittags: Workshops für Jugendliche ab 11 Jahre, Musikimprovisation zum Thema Utopien (Stimme, Klänge und Geräusche mit Anwendung von GarageBand – Software für Musikproduktion)

 

Über das Johann Jacobs Museum
Das Johann Jacobs Museum widmet sich den weltumspannenden Verflechtungen unserer Lebenswelt. Besonders anschaulich zeigen sich diese Verflechtungen, wenn man der Geschichte wichtiger Handelsgüter und ihrer Transportwege folgt. Produkte wie Kaffee, Kakao, Erdöl, Opium, Zucker, Seide, Uhren und Diamanten haben die Gestalt des Planeten geprägt, Kulturen geformt und Gesellschaften umgewälzt. Mit unseren Programmen und Veranstaltungen versuchen wir ein breiteres Verständnis für diese komplexen Zusammenhänge zu vermitteln.

 

Johann Jacobs Museum

 

Dieser Artikel erschien im Rahmen des August-Newsletter. Zu den weiteren Themen:

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