Im Dschungel der Vaterschaft

Wie beeinflusst der kulturelle Hintergrund eines Mannes seine Rolle als Vater? Welche Auswirkungen hat dies auf seine Familie? Auf der Suche nach Antworten sind zwei Anthropologen in die Wälder der Republik Kongo gereist, wo zwei Kulturen mit sehr unterschiedlichen Ansichten zu Vaterschaft Seite an Seite leben.
Text: Adam Howell Boyette und Lee Gettler

Es war Mittag. Der Himmel war bedeckt. Am Tag zuvor hatte der Tropenregen den Staub weggespült und die Luft war klar. Wir hatten gerade einige Eltern der Mbendjele zu ihren Vorstellungen zum Thema Vaterschaft befragt und hörten von einem Tanz am anderen Ende des Dorfes. Es war der Tanz von Dzengi, dem Geist des Waldes. Die Tänzer bildeten zwei konzentrische Kreise – die Männer in der Mitte und die Frauen um sie herum – und sangen mehrstimmige Harmonien, während sie dem Geist folgten, der geschmückt mit den hellgrünen Blättern der jungen Raphiapalme, umherwirbelte.

Vor uns, inmitten der Schar, die Dzengi folgte, übergab eine Frau einen schlafenden Säugling an dessen Vater, um ungestört tanzen zu können. Er schlang die Trageschlinge flink um seinen Hals und setze das Baby auf seiner Hüfte ab. Er tanzte weiter und tätschelte dem Kind sanft den Rücken im Rhythmus der Musik. „Taye munye!“ rief unser einheimischer Führer, der fröhlich in der Nähe tanzte und sang. Da er unser Projekt bereits kannte, deutete er auf das, was wir gerade beobachtet hatten: „Taye munye“ – „guter Vater“. [Boyettes Feldnotizen, 22. Juni, 2015]

Beim Stamm der Mbendjele teilen sich Eltern ihre Pflichten

Diese Szene ist typisch für die Mbendjele. Als gleichberechtigte Jäger und Sammler ist es ihnen wichtig, einander in jedem Lebensbereich zu helfen. Geprägt durch diese Einstellung teilen sich Vater und Mutter die elterlichen Pflichten, von der Nahrungsbeschaffung bis hin zum Trösten des weinenden Säuglings. Ihre Nachbarn, die Bantu, die an den Rändern des Regenwaldes Landwirtschaft betreiben, haben ganz andere Vorstellungen von Vaterschaft. Bei ihnen sind die Väter die Familienoberhäupter. Sie werden gefürchtet und respektiert. Interaktionen zwischen Vater und Kind sind unüblich und beschränken sich eher auf Bestrafung als auf Fürsorge.

Veränderung der Hormon- und Gehirnfunktion bei Vätern

In unserer Studie fokussieren wir auf diese beiden Gruppen. Wir untersuchen, inwiefern sich verschiedene Ansichten zur Rolle des Mannes in der Familie auf die Biologie des Vaters auswirken. Bei manchen Männern, die gerade Väter geworden sind, kann man eine Veränderung der Hormon- und Gehirnfunktion beobachten. Diese hilft den Vätern, sich auf die Fürsorge vorzubereiten – zumindest in Kulturen, in denen sie sich diese Rolle mit der Mutter oder anderen Menschen teilen. Bisher gibt es nur wenig Erkenntnisse darüber, wie sich in Kulturen, in denen von Vätern nicht erwartet wird, dass sie ihre Kinder umsorgen und mit ihnen spielen, die Biologie des Vaters an die Anforderungen der Vaterschaft anpasst. Ebenso wenig ist darüber bekannt, welche Auswirkungen diese Unterschiede auf das physische und psychische Wohlergehen der Kinder haben.

Mit unserer Studie wollen wir zum Verständnis beitragen, wie flexibel die Biologie des Vaters durch die Evolution geprägt ist und wie Massnahmen gestaltet werden können, um Vätern zu helfen, ihren Kindern das zu geben, was sie brauchen. Wir wollen verstehen, wie Aspekte des menschlichen Umfelds, wie kulturelle Normen und Sozialsysteme, mit biologischen Funktionen interagieren, um das Verhalten und letztendlich die Gesundheit beeinflussen zu können. Diese Wechselwirkungen wollen wir in verschiedenen Kontexten erforschen. Die meisten Studien über die Rolle des Mannes in der Familie sind in westlichen Gesellschaften – vor allem in den USA und Westeuropa – durchgeführt worden und repräsentieren damit nur einen Bruchteil der Menschheit und der Art, wie Männer die Vaterrolle ausüben. Auch gibt es nur wenige Erkenntnisse darüber, wie verschiedene Modelle des Familienlebens und der Vaterrolle mit biologischen Mustern in Zusammenhang stehen oder welche Zusammenhänge es zwischen Biologie, Vaterverhalten und Kultur und der Gesundheit von Kindern gibt.

Im Kongo kaum Erkenntnisse zum Vaterverhalten

Diese Beweggründe haben uns in den Kongo geführt. Mit dem Projekt schlagen wir eine Brücke zwischen unseren Forschungsinteressen und methodischen Kompetenzen. Lee Gettler widmet sich der Frage, wie sich der Hormonhaushalt von Männern mit der Vaterschaft verändert und wie sich diese Veränderungen und das Vaterverhalten von Männern untereinander beeinflussen. Adam Howell Boyette hat Jahre lang in Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften und landwirtschaftlichen Gemeinschaften im Kongobecken gelebt. Dort erforschte er, wie Kultur und Ökologie das Erlernen der Vaterrolle strukturieren.

Dieses Jahr haben wir die Mbendjele und Bantu besucht und mit den Befragungen begonnen. Nächstes Jahr werden wir biologische Proben von Vätern sammeln, um festzustellen, ob ihr Hormonspiegel in Abhängigkeit von der Interaktion mit ihren Kindern variiert und inwieweit sie dem Bild eines „guten Vaters“ innerhalb ihrer jeweiligen Gemeinschaft entsprechen. Ausserdem werden wir Untersuchungen über die Gesundheit und das Wohlbefinden der Kinder durchführen. Schliesslich ist es das Ziel vieler Väter, ihre Kinder wachsen und gedeihen zu sehen. Wir glauben, dass die Ergebnisse Aufschluss darüber geben, wie Väter dieses Ziel unter vielfältigen Umständen und geprägt von individuellen Unterschieden, Kultur und Biologie erreichen können.

Zu den Autoren:
Adam Boyette ist Anthropologe und dozierender Mitarbeiter an der Duke University, USA.

Lee Gettler ist Assistenzprofessor für Anthropologie an der University of Notre Dame.

Dieser Artikel erschien im Schweizer Elternmagazin Fritz+Fränzi. Nachwuchswissenschaftler, die von der Jacobs Foundation gefördert wurden, haben dafür Beiträge verfasst.

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