“Herausforderungen bei Skalierung liegen oft im Prozess.”

Jenny Perlman Robinson ist Senior Fellow am Center for Universal Education des Brookings Instituts. Ihre Arbeit konzentriert sich darauf, die Qualität von Bildung und Lernen für Kinder und Jugendliche in Entwicklungsländern zu verbessern. Ausserdem ist sie Mitautorin des Buchs „Millions Learning: Real-Time Scaling Labs“. Die Jacobs Foundation sprach mit Jenny über die Gestaltung von adaptiven Lernprozessen für einen gross angelegten Wandel in der Bildung.

Die Schwierigkeiten bei der Skalierung im Bildungsbereich sind weithin bekannt, vor allem wenn es um Entwicklungsländer geht. Welche Lösungen bietet das Real-time Scaling Lab?

Wir entwickelten unseren Ansatz als direkte Reaktion auf die Herausforderungen, die uns in vielen Ländern begegnet sind. Auch wenn wir immer mehr Erkenntnisse zu Innovationen im Bildungsbereich gewinnen, die das Lernen von Kindern verbessern, wissen wir noch immer viel weniger darüber, wie man diese Erkenntnisse in verbesserte politische Vorgehensweisen und Praktiken in grossem Massstab verwandeln kann. Durch unsere Forschung haben wir herausgefunden, dass hierzu eine Kombination technischer und politischer Strategien erforderlich ist. Evidenzbasierte Interventionen und Mechanismen müssen grossflächig umgesetzt werden, damit neue Praktiken schneller eingeführt und lokale Kapazitäten gestärkt werden können, sodass eine erfolgreiche Umsetzung und Skalierung möglich sind.

Die Real-time Scaling Labs bieten einen partizipativen, angewandten Forschungsprozess, der relevante Stakeholder zusammenbringt, um während des Skalierungsprozesses systematisch von den entstehenden evidenzbasierten Initiativen zu lernen, sie zu dokumentieren und zu unterstützen.

Welche Herausforderungen sehen Sie bei der Skalierung, vor allem in Entwicklungsländern wie der Elfenbeinküste?

Unsere Kollegen vom Brookings Institut legen in ihrem Buch Getting to Scale dar, dass es bei Herausforderungen bei der Skalierung nicht nur um bestimmte Hürden und Einschränkungen geht. Die Herausforderungen liegen vielmehr im Prozess, beispielsweise in den folgenden Punkten:

  • Skalierung von Anfang an einplanen: Häufig liegt das Augenmerk vor allem auf Machbarkeitsstudien oder Effizienz, anstatt dass von Anfang an überlegt wird, was erforderlich ist, um Initiativen nachhaltig und im grossen Massstab umzusetzen.
  •  Projektmentalität: Hierbei liegt der Fokus stark auf der Skalierung bestimmter Modelle, Organisationen oder Marken statt darauf, die Wirkung einer Initiative zu erweitern und zu vertiefen – mit allen Vorgehensweisen und Ansätzen, die dafür erforderlich sind.
  • Unfähigkeit, zu reflektieren und sich anzupassen: Die Skalierung folgt nur selten einem linearen Pfad von der Forschung bis zur Umsetzung. Wenn eine Reform umgesetzt oder ein Programm erweitert werden, ist es wichtig, zu experimentieren und den Kurs immer wieder korrigieren zu können. In der Realität gibt es allerdings oft wenig Gelegenheit zur Reflektion und zum Anpassen des eigenen Vorgehens.
  • Letztendlich ist zweifellos auch die Finanzierung eine Herausforderung, vor allem in vielen Gemeinschaften mit geringen Ressourcen. Wir haben allerdings herausgefunden, dass die Frage, wie Ressourcen zugewiesen werden, genauso wichtig sein kann wie absolute Beträge. Kurzfristige, unflexible Finanzierungen durch Spender oder kurzsichtige politische Agenden können die Skalierungsbemühungen unabsichtlich untergraben. In der Entwicklungshilfe und in öffentlichen Haushalten mangelt es oft an der Finanzierung für die „mittlere Phase“, um die kritische Zeit zwischen einem Pilotprojekt und der breiten Umsetzung zu überbrücken.

Gibt es Bildungsreformen in der Pilotphase, die mit Ihrer Hilfe in den Ländern, in denen Sie tätig waren, erfolgreich ausgeweitet wurden?

Die Real-time Scaling Labs gibt es erst seit diesem Jahr, sodass wir noch keine abgeschlossenen Beispiele nennen können. Ausserdem müssen wir realistisch bleiben: Die Skalierung ist ein Marathon, kein Kurzstreckenlauf, und es kann durchschnittlich 10 bis 15 Jahre dauern, bis eine Initiative einen grossen Massstab erreicht hat. Dennoch können wir in einigen Ländern bereits Fortschritte erkennen. In manchen staatlichen Institutionen findet beispielsweise ein Umdenken statt. Die Skalierung erfolgt zunehmend schrittweisse und adaptiv, dazu gibt es Treffen verschiedener Stakeholder, die üblicherweise nicht zusammenkommen würden. 

“Ich bin immer wieder überrascht, wie stark Erkenntnisse zwischen Ländern mit niedrigem, mittlerem und hohem Einkommen übertragen werden können.”

Können Bildungsprogramme, die in reichen entwickelten Ländern wie den USA, Deutschland oder der Schweiz angewandt wurden, Ihrer Erfahrung nach auf Länder wie die Elfenbeinküste, Kenia und Indien übertragen werden?

Ich bin immer wieder überrascht, wie stark Erkenntnisse zwischen Ländern mit niedrigem, mittlerem und hohem Einkommen übertragen werden können. Zweifellos spielt der Kontext eine enorme Rolle und ich würde niemals sagen, dass ein einzelner wirkungsvoller Ansatz weltweit eingesetzt werden kann, doch es gibt mit Sicherheit gemeinsame treibende Kräfte und zugrundeliegende Prinzipien für die Skalierung, die auf viele Länder zutreffen. Einige davon haben wir in unserem vorherigen Bericht Millions Learning von 2016 identifiziert. Beispiele sind die Gestaltung von Interventionen auf Basis der lokalen Nachfrage, das Sicherstellen der Kosteneffizienz von Programmen im grossen Massstab und das Identifizieren von Fürsprechern und möglichen Gegnern in Regierungen, Gemeinschaften und Klassenzimmern.

Was sind Ihre nächsten Schritte, um die Perspektive zu erweitern und von der Skalierung zur Politik zu gelangen?

Wir freuen uns darauf, gemeinsam mit unseren Partnern – von Botswana über Jordanien, die Elfenbeinküste und die Philippinen bis nach Tansania und darüber hinaus – weiter zu lernen und genauere Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie politische Entscheidungsträger, Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft besonders effektiv zusammenarbeiten können, um einen gross angelegten Wandel in der Qualität des Lernens und der Entwicklung von Kindern zu schaffen.

Jenny Perlman Robinson ist Senior Fellow am Center for Universal Education des Brookings Instituts. Ihre Arbeit konzentriert sich darauf, die Qualität von Bildung und Lernen für Kinder und Jugendliche in Entwicklungsländern zu verbessern. Ausserdem ist sie Mitautorin des Buchs „Millions Learning: Real-Time Scaling Labs“.

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