«Ich habe enorm von Primokiz profitiert»

In Pratteln war man schon mitten in der Umsetzung eines Pilotprojekts Frühe Förderung, als die Gemeinde Primokiz beitrat. Vor allem die von Primokiz zur Verfügung gestellte Expertenberatung habe ihr entscheidend geholfen, ihre Aufgabe besser einzugrenzen, erklärt Manuela Hofbauer, damals Projektleiterin und heute Leiterin des Fachbereichs Frühe Kindheit.

Pratteln (BL, rund 16 000 Einwohner) hat eine Sozialhilfequote von 6 Prozent. «Wir sind ein Ankunftsort für Migranten, wir haben viele sozio-ökonomisch belastete Familien», erzählt Roger Schneider, der für Bildung, Jugend, Sport und Kultur zuständige Gemeinderat. Schon durch das Bundesprogramm Projets Urbain zur Quartierentwicklung habe man gewisse Problemquartiere in Pratteln genauer angeschaut. Dazu kam der hohe Bedarf an Unterricht in Deutsch als Zweitsprache (DaZ) in Kindergarten und Schule: Immer mehr Kinder begannen den Kindergarten ohne oder mit minimalsten Deutschkenntnissen und holten dann dieses Defizit kaum mehr auf.

Eine erste Situationsanalyse stellte fest, dass es zwar viele Angebote im Frühbereich gab – Spielgruppen, Kitas, Tagesfamilien, Eltern-Kind Treffpunkte, Mutter-Kind Turnen, Mütter-, Gesundheits-, Erziehungsberatung – dass diese aber wenig vernetzt waren und kaum Kontakte zu den Kindergärten bestanden. Und: Gerade bedürftige Familien erreichte dieses Angebot nur mangelhaft.

Die Gemeinde investierte deshalb schon vor der Teilnahme an Primokiz rund 370.000 Franken in ein vierjähriges Pilotprojekt, welches ein Kleinkind-Hausbesuch-Programm umfasste – es wird in Pratteln bis heute vom Schweizerischen Roten Kreuz durchgeführt – und eine mit 40 Prozent dotierte Fachstelle Frühe Förderung. Diese übernahm Manuela Hofbauer.

Es galt, Angebote im Bereich Frühe Kindheit zu koordinieren, dessen Akteure zu vernetzen. Es galt, wo nötig niederschwellige neue Angebote (etwa El-Ki-Treffs in jedem Quartier) zu schaffen. Es galt, Eltern zu finden, zu informieren und zu sensibilisieren: also an Quartierfesten, Schulanlässen, Neuzuzüger-Veranstaltungen präsent zu sein. Gleichzeitig mussten 20 Kleinkinder aus fremdsprachigen Familien für das erste Hausbesuch-Programm gefunden werden – «es war viel, und es war Knochenarbeit», erinnert sich Manuela Hofbauer.

Gerade bei dieser Knochenarbeit habe sie damals von Primokiz enorm profitiert, und zwar von der Primokiz-Expertenberatung. Die Experten hätten die Prattler-Strategie genau studiert und gezielt auf Punkte hingewiesen, die Schwierigkeiten bereiten könnten. So etwa auf das breite Aufgabenfeld und die breite Definition der Zielgruppe. «Man hat mir geholfen, gewisse Dinge wegzulassen, und zwar ohne schlechtes Gewissen. Diese Klärung meiner Aufgabe hat mir sehr viel gebracht». Auch für die Evaluation des Pilotprojektes war laut Manuela Hofbauer die Expertenbegleitung geradezu unentbehrlich, «es ging ja bei mir eigentlich um eine Selbst-Evaluation».

Manuela Hofbauer: «Für mich lohnt sich der Aufwand für jedes einzelne Kind».

Doch ebenso wertvoll seien für sie die Vernetzungstreffen mit den anderen Primokiz-Gemeinden gewesen, erzählt Manuela Hofbauer. Zum einen die Fachvorträge zu ganz unterschiedlichen Themen – Entwicklungspsychologie, oder Datenschutz – «das hat uns enorm viel Rückendeckung gegeben, denn wir machten ja wirklich Pionierarbeit in unseren Gemeinden». Aber dann auch, weil man viel Einblick in andere Verhältnisse gewann. Besonders interessant seien für sie die Westschweizer Gemeinden gewesen, wo Frühe Bildung schon lange selbstverständlicher sei als bei uns.
Natürlich möchte man in der Politik gerne den Nutzen der Frühen Bildung sehen: «Am schönsten wäre es natürlich, wenn sich mit den Anstrengungen im Frühbereich die hohen DaZ-Kosten in Kindergarten und Schule etwas senken liessen», erklärt Gemeinderat Roger Schneider. Bis heute zeigt sich, dass Kinder, die mindestens 8 Stunden pro Woche eine Spielgruppe, Kita oder Tagesfamilie besucht haben, sprachlich besser dastehen als jene, die keine ausreichende Förderung vor Kindergartenbeginn erhielten.

Die grösste Herausforderung war und bleibt für Manuela Hofbauer die Knappheit der Ressource Zeit. Und doch ist ihr persönliches Fazit positiv: «Für mich lohnt sich der Aufwand für jedes einzelne Kind. Jedes Kind, das dank einer achtsamen Entwicklungs- und Sprachbegleitung in den ersten Lebensjahren gesünder und positiver aufwächst, ist ein positiver Beitrag an die Gesellschaft von morgen».

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