„Es gibt viele richtige Erziehungsansätze

Gibt es eine richtige Art, Kinder zu erziehen? Wie unterscheiden sich die Erziehungsansätze in Ländern wie Elfenbeinküste, Israel oder Somalia? Eine kürzlich publizierte Zweitauflage des Buchs „World of Babies“ von Alma Gottlieb und Judy DeLoache geht diesen Fragen nach. Im Interview mit der Jacobs Foundation sprechen die beiden Forscherinnen darüber, wie das Buch zustande kam, was die Herausforderungen waren und welche Auswirkungen es auf die heutige Welt hat, in der man ständig mit der Angst vor dem Anderen konfrontiert ist.

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Was finden Sie an Ihrer Forschung besonders spannend? Und was ist das Besondere an dem Buch, das Sie veröffentlicht haben?

Judy: Ich finde es wahnsinnig interessant zu sehen, WIE unterschiedlich Menschen über Kinder denken: wie Kinder sind, was gut oder schlecht für sie ist. Es gibt so viele verschiedene Arten der Kindererziehung, und bei den meisten Ansätzen steht das Wohl der Kinder im Mittelpunkt. Und die Kinder aus unterschiedlichen Kulturen entwickeln unterschiedliche Persönlichkeiten und Temperamente.

Alma: Was ich auch sehr spannend finde, ist der Aufbau des Buchs. Wir haben ein Genre geschaffen, das es so noch nicht gab. Dabei haben wir uns am klassischen Ratgeber orientiert – in unserem Fall zum Thema Kindererziehung – und uns gleichzeitig ein bisschen über dieses Genre lustig gemacht, da jedes Kapitel in Form eines fiktiven Ratgebers geschrieben ist. Erziehungsratgeber klingen ja immer so, als wäre die beschriebene Methode die einzig richtige. Dabei gibt es weltweit so viele unterschiedliche Ansätze. Der ironische Unterton in unseren fiktiven Ratgebern sorgt für Lesevergnügen und spricht eine breite Leserschaft an.

Judy: Anders gesagt, die Inhalte basieren auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, werden aber ganz und gar „unakademisch” präsentiert. Das Feedback von Lesern der ersten Ausgabe war dann auch, dass das Lesen richtig Spass gemacht hat. Obwohl das Buch leicht zu lesen ist, hält es viele verlässliche Informationen über kulturelle Praktiken weltweit bereit. Die Leser erfahren, wie unterschiedlich Kinder wahrgenommen und behandelt werden.

Sind Sie oder die anderen Autoren bei der Arbeit am Buch auf irgendwelche Schwierigkeiten gestossen?

Judy: Ich glaube, für einige Autoren war das Schwierigste, nach unseren Stilvorgaben zu schreiben. Bei manchen mussten wir im Lektorat sehr stark eingreifen, andere haben ziemlich genau das abgeliefert, was wir wollten. Aber am Schluss waren der Ton und die einzigartige Perspektive in allen Texten gleich.

Alma: Als wir die erste Ausgabe vorbereitet haben, waren die meisten Autoren noch Studenten. Für sie war es damals schwierig, als Experten über Kulturen zu schreiben, in denen sie selbst nur wenig (oder gar nicht) geforscht hatten. Sie mussten also hauptsächlich auf die Forschung anderer Wissenschaftler zurückgreifen. Alle Autoren der zweiten Ausgabe sind hauptberuflich als Wissenschaftler tätig und haben in den Kulturen, über die sie schreiben, intensiv Forschung betrieben – oft mehrere Jahre lang. Zwei Autoren kommen sogar aus den behandelten Kulturkreisen (Somali-Amerikaner und Israeli).

Haben Sie während der Datensammlung etwas erlebt, das Sie besonders berührt hat?

Alma: Eine Sache hat mich während meiner Forschung in der Elfenbeinküste zur Säuglingspflege bei den Beng stark beeindruckt: Die Beng glauben, dass jedes Kind die Reinkarnation eines Vorfahren ist. Dies wiederum beeinflusst, wer in welcher Beziehung zu den Säuglingen und Kleinkindern steht. Beispielsweise werden die Babys in den Dörfern ständig getragen und es kommt selten vor, dass man dort ein Baby schreien hört. Sobald es anfängt zu weinen, wird es hochgehoben und, wenn die Mutter da ist, sofort gestillt. Es gibt keinen festen Stillplan, das Baby wird gefüttert, wenn es schreit. Wenn die Mutter nicht in der Nähe ist, nuckelt das Baby an der Brust einer anderen Frau wie an einem Schnuller.

Meine Beobachtungen haben sich stark auf mein eigenes Verhalten als Mutter ausgewirkt. Ich habe angefangen, im Bereich der Säuglingspflege zu forschen, als ich selbst Mutter wurde. Mein erstes Kind hat an Koliken gelitten und viel geweint. Ich wusste überhaupt nicht, was ich machen sollte. Ich habe mir bei Freunden, Kinderärzten und Krankenschwestern Rat geholt. Nichts hat geholfen. Schliesslich habe ich mich gefragt: Was würde eine Beng-Mutter tun? Und ich habe mich daran erinnert, dass Babys viel getragen werden. Also habe ich mir eine Babytrage mit meinem Sohn vor den Bauch geschnallt und er beruhigte sich sofort. Ich bin einmal um den Block gelaufen und er war so zufrieden und ruhig! Also bin ich weitergegangen. Sobald ich ihn zu Hause aus der Trage genommen habe, hat er wieder angefangen zu weinen. Also haben mein Mann und ich ihn sehr viel herum getragen. Wenn er in der Trage war, war er glücklich. Aber als mein Sohn ein Jahr alt war, bekam ich davon einen Bandscheibenvorfall und musste operiert werden. So habe ich am eigenen Leib erfahren, wie anstrengend das Herumtragen ist!  Wenn man Gesundheitsprobleme vermeiden will, sollte man viele Menschen um sich herumhaben, die beim Tragen helfen. In Afrika tut das normalerweise nicht nur die Mutter, sondern das ganze Dorf. Jeder trägt das Baby für kurze Zeit. Ich habe noch nie gehört, dass in diesen Dörfern jemand einen Bandscheibenvorfall hatte!

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Können wir in der westlichen Welt etwas von diesen Erfahrungen lernen?

Alma: Die Menschen in europäischen und amerikanischen Städten finden die Vorstellung einer kollektiven Kindererziehung toll. In der Realität ist es aber leider so, dass dieses Konzept nicht zum Lebensstil der meisten Menschen hier passt. Als unsere beiden Kinder klein waren, lebten mein Mann und ich Tausende Kilometer von unseren Familien entfernt. Im Gegensatz zu Beng-Müttern hatte ich keine Nichten, Schwestern, Tanten und Cousinen, die mir helfen konnten, die Kinder zu tragen. Es wäre toll, wenn wir Kinder in der Gemeinschaft grossziehen würden, aber in der Praxis ist das für alle, die ihr Leben in der Kleinfamilie organisiert haben, schwer umsetzbar. Wenn wir ein anderes Kindererziehungssystem einführen möchten, müssen wir auch die Familien- und Wohnstruktur ändern und mehr Gemeinschaftsgeist schaffen. Damit sich nicht nur die Mutter für das Wohl eines Kindes verantwortlich fühlt.

Zurück zum Buch und Ihrer Forschung: Wie können Sie durch Ihre Arbeit Eltern helfen, ihre Kinder besser zu verstehen?

Judy: Ich glaube, die wichtigste Einsicht, die Eltern aus unserem Buch gewinnen können, ist, nicht mehr so verkrampft zu sein und sich im Umgang mit ihrem Baby nicht um jede Kleinigkeit Sorgen machen zu müssen. Denn weltweit gibt es so viele verschiedene Arten, mit Babys umzugehen. Es geht ihnen gut, solange sie geliebt werden und sich jemand um sie kümmert. Es gibt nicht das Eine, was man unbedingt tun muss.

Alma: In Amerika zum Beispiel wird Co-Sleeping, also das Schlafen der Kinder im Bett der Eltern, total verteufelt. In New York gibt es in den U-Bahnen jetzt kleine Warnschilder: „Don’t co-sleep“. Und trotzdem tun es sehr viele amerikanische Eltern. Sie haben nun Schuldgefühle und verheimlichen es, weil ihnen öffentlich Vorwürfe gemacht werden. Eine Schlussfolgerung aus unserem Buch ist Flexibilität – eine klassische Lehre der kulturellen Relativität. Wenn Co-Sleeping nichts für dich ist, gut, dann lass es, aber behaupte nicht, dass jemand anders damit sein Kind tötet. Co-Sleeping ist ungefährlich, wenn keine losen Decken und Kissen im Bett liegen und die Eltern nicht betrunken sind oder unter Medikamenteneinfluss stehen.

Was für langfristige Auswirkungen auf Eltern und damit auf Kinder und Jugendliche hat Ihr Buch?

Judy: Ich könnte mir vorstellen, dass Eltern, die unser Buch gelesen haben und das Gelesene umsetzen, weniger ängstlich sind. Und offener dafür, einfach mal etwas auszuprobieren und zu schauen, ob es funktioniert. Wer sein Baby liebt und dessen Bedürfnisse stillt, muss sich um Kleinigkeiten keine Sorgen machen.

Alma: Und wir hoffen auch, dass unser Buch zu mehr Toleranz im Bereich der Kindererziehung beiträgt. Das ist gerade jetzt wichtig, wo viele Flüchtlinge nach Europa kommen und ganz unterschiedliche Familienstrukturen mitbringen. Die Rechtsparteien bekommen Zulauf, weil den Menschen diese Einwanderung Angst macht. Im Endeffekt geht es dabei um die Angst vor dem Anderen, vor einer anderen Art zu leben und zu denken. Wir hoffen, dass unser Buch zur Toleranz für das Andere beiträgt, zu mehr Verständnis für Familien, die ihr Leben „anders“ organisieren, dafür gute Gründe haben und damit glücklich sind. Eine wichtige Lehre, die Leser aus unserem Buch ziehen können, ist: Nicht gleich Vorwürfe machen, sondern nach den Gründen für „andere“ Erziehungsmethoden fragen.