«Es geht um Chancengerechtigkeit»

Mit grossem Einsatz hatte die Projektgruppe Primokiz für Zofingen ein Konzept erarbeitet, der Stadtrat stand geschlossen dahinter. Die Umsetzung im Einwohnerrat (Legislative) erwies sich jedoch als politisch schwierig. Dank dem grossen persönlichen Engagement des verantwortlichen Stadtrats gelang sie schliesslich mit knapper Stimmenmehrheit.

In Zofingen (AG, 11 000 Einwohner) hatte die Mitarbeit im Projekt Primokiz der Jacobs Foundation bereits begonnen, und auch eine Situationsanalyse lag bereits vor, als Livia Lustenberger neu die Abteilung Kind, Jugend, Familie übernahm. Diese Analyse zeigte klar, dass in Zofingen im Vorschulbereich eigentlich viele gute Angebote bestanden, die meisten davon privat, dass diese aber kaum untereinander abgestimmt und vernetzt waren. Insbesondere die Mütter- und Väterberatung wünschte, im Frühbereich «mehr tun» zu können.

Auch Dominik Gresch (GLP), Stadtrat für Bildung und Soziales, lernte das Thema FBBE über die Situationsanalyse kennen, die ihm kurz vor seinem Amtsantritt präsentiert wurde. Er begann sich einzulesen ins Thema: «Das Konzept der Jacobs Foundation hat mich von Anfang an überzeugt. Folglich heisst es nun in unserem Leitbild: Wir investieren in die Zukunft».

Für die Erarbeitung eines Konzeptes holte man nebst verschiedenen Akteuren im Frühbereich (Mütter- und Väterberatung, Kitas, Spielgruppen usw.) auch die Stadträtin für Gesundheit, den Bereichsleiter Soziales, eine Schulleiterin, die Leiterin der Stadtbibliothek sowie eine Fachperson der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in eine Projektgruppe.

Die Konzeptarbeit sei intensiv gewesen, erzählt Livia Lustenberger: Zwar sei die Expertenbegleitung vom Programm Primokiz sehr kompetent und die angebotenen Instrumente hilfreich gewesen. Zudem habe man von der Erfahrung anderer Städte profitieren können. Doch immer wieder zeigten sich auch Kapazitätsgrenzen: «Zofingen ist eine kleine Stadt, unsere Ressourcen sind in jeder Hinsicht begrenzt. Der Aufwand für eine derart akademische Arbeit war für uns gross», erinnert sich die für Primokiz federführende Abteilungsleiterin.

Dazu kam, dass es anspruchsvoll war, die verschiedenen Akteure des Frühbereichs in dieser konzeptionellen Arbeit bei der Stange zu halten. Wozu Konzepte, hiess es bald, was bringt uns das? Stakeholder-Anlässe waren deshalb wichtig, ebenso ein regelmässiger Austausch und gute Information, um Fragen zu beantworten und ja, durchaus auch Ängste auszuräumen.

Auch zeigten die Akteure sehr unterschiedliche Bedürfnisse: «Wir suchten deshalb schon früh nach Bedürfnissen, die alle teilten», sagt Lustenberger. Dazu gehörte Vernetzung, Information, Qualitätsentwicklung und Öffentlichkeitsarbeit. Eine Broschüre, die alle Akteure im Frühbereich vorstellt, war deshalb das erste konkrete Resultat der Arbeit.

«Es geht schliesslich um Chancengerechtigkeit – und diese wird durch Primokiz gefördert.»

Der Anteil von Familien mit Migrationshintergrund ist in Zofingen relativ niedrig, Deutsch als Fremdsprache in der Schule gut akzeptiert, die Sozialhilfequote liegt bei durchschnittlichen 3 Prozent – «ein eigentlicher Leidensdruck fehlt in Zofingen und das machte es nicht ganz einfach, das Thema politisch zu vertreten», sagt Dominik Gresch. Um das Projekt nicht zu gefährden, hielt man die geplanten Massnahmen in bescheidenem Rahmen: die bisher befristete Stelle im Fachbereich Jugend und Prävention sollte verstetigt und inhaltlich stark auf den Frühbereich ausgerichtet werden – sie heisst nun Fachstelle Frühe Kindheit. Dazu kamen kleinere Massnahmen wie Vernetzungstreffen, ein Elternbildungsprogramm zum Schulstart, eine offene Turnhalle für Kleinkinder und Eltern während den Wintermonaten, in Zusammenarbeit mit privaten Anbietern entwickelte Projekte wie beispielsweise der Ausbau eines Eltern-Kind-Treffens.

«Der pragmatische Ansatz kam gut an, das hat die politische Arbeit etwas erleichtert», erinnert sich Dominik Gresch. Doch der Einwohnerrat von Zofingen – die Legislative – erwies sich als die grösste Herausforderung des Projektes: «Ich musste feststellen, dass die Meinungen von vorneherein gemacht waren.» Das sorgfältige Konzept, eine Info-Veranstaltung mit ausgezeichnetem Referat, Hintergrundartikel in der Lokalzeitung, der Verweis auf Studien, selbst die wirtschaftlichen Argumente zum Return on Investment – das alles habe die Gegner schlicht nicht interessiert: «Die Debatte verlief rein ideologisch, und zwar bis in die Mitte-Parteien hinein», erzählt Gresch.

Dass Primokiz Zofingen vom Einwohnerrat doch noch angenommen wurde – und zwar mit dem Stichentscheid des Ratspräsidenten – sei allein dem grossen persönlichen Einsatz von Stadtrat Gresch zu verdanken, meint Livia Lustenberger. «Ja», sagt dieser, «und ich tat es aus Überzeugung. Es braucht jemanden, der diese Überzeugung hat.»

Hat sich die aufwendige Konzeptarbeit gelohnt? Für Livia Lustenberger auf alle Fälle. Man kenne sich nun in der ganzen Szene persönlich, ein grosser Mehrwert. Überdies greife sie oft auf das Primokiz-Konzept zurück, wenn es um die Formulierung von Legislatur- oder Jahreszielen gehe.

Auch für Dominik Gresch hat sich das grosse Engagement gelohnt: «Es geht schliesslich um Chancengerechtigkeit – und diese wird durch Primokiz gefördert.»

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