Ein Projekt, von dem alle profitieren

Kann ein probiotisches Nahrungsergänzungsmittel bei Kindern zu besserer kognitiver Leistung führen? Um diese Frage zu beantworten ist Carolina de Weerth im Rahmen des TRECC-Programm in die Elfenbeinküste gereist, wo sie eine Studie mit Erstklässlern durchführt. Ein Probiotikum würde eine erschwingliche und zugleich einfache Möglichkeit bieten, die Grundvoraussetzungen für bessere Lernbedingungen der Kinder zu schaffen.  

In ihrer psychobiologischen Forschungsarbeit widmet sich Carolina der Frage, wie das Umfeld die kindliche Entwicklung beeinflusst. 

Carolina, könnten Sie uns als Erstes erklären, mit was sich die psychobiologische Forschung befasst?

Gerne. Unser Körper beeinflusst unser Denken den ganzen Tag, das heisst, wir sollten auch in der Forschung Gedanken und Körper nicht getrennt betrachten. Ein psychobiologischer Ansatz heisst also, dass wir die Biologie nutzen um physische Mechanismen zu verstehen, die unserem psychologischen Erleben zugrunde liegen.

Ich untersuche zum Beispiel pränatalen Stress: Stress während der Schwangerschaft könnte zum Beispiel zu unzufriedeneren und weinerlicheren Babys führen. Wir versuchen die biologischen Mechanismen zu verstehen: Was könnte- dafür verantwortlich sein, dass die Sorgen der Mutter einen Einfluss auf das ungeborene Baby haben?

Sie untersuchen auch den Einfluss der Ernährungsweise auf unser Denken und Lernen. Für einen Laien liegt ein Zusammenhang zwischen der Darmflora und der kognitiven Entwicklung eines Menschen nicht direkt auf der Hand. 

Unsere Darmflora sendet dauernd Signale an unser Gehirn. Ich untersuche darum, wie unsere Ernährung die Darmflora beeinflusst. Wir wissen, dass einige Schwangere sich zwar gestresst fühlen aber keine erhöhten Stresshormonwerte aufweisen. Aber vielleicht ernähren sie sich unter Stress anders, zum Beispiel mit mehr Schokolade oder sie essen nur noch sehr wenig.

Stress kann also unsere Ernährungsweise beeinflussen und diese wiederum beeinflusst unsere Darmflora welche dann Signale an unser Gehirn sendet. Die Beziehung zwischen Körper und Geist zu verstehen ist zentral, um die kindliche Entwicklung nachvollziehen zu können. 

Im Rahmen des TRECC-Programms der Jacobs Foundation haben Sie mit Erstklässlern der Elfenbeinküste gearbeitet. Das Ziel: Herauszufinden ob ein probiotisches Nahrungsergänzungsmittel zu besserer kognitiver Leistung bei diesen Kindern führt. Welches sind bisher die für Sie spannendsten Aspekte dieses Forschungsprojekts?

Wir werden die Ergebnisse schon bald publizieren. Aber zusammengefasst waren es insbesondere zwei Aspekte: Einerseits die Durchführung des Projekts an sich mit einer grossen Zahl teilnehmender Kinder und andererseits die wunderbare Unterstützung, die wir von unseren studentischen Hilfskräften erhielten.

Es ist für mich immer noch kaum zu glauben, dass so viele Kinder an unserer Studie teilnehmen wollten. Nachdem wir die Zielgruppe etwas enger definiert hatten, hatten wir noch immer 251 teilnehmende Kinder, eine sehr schöne Studiengrösse. Die Kinder waren sehr motiviert, wenn nicht gar enthusiastisch, das half natürlich auch. 

Auch unsere studentischen Hilfskräfte waren fantastisch. Wir als Weisse – meine Postdoc Bonnie Brett und ich – konnten die Tests mit den Kindern nicht selber durchführen. Also haben wir vor Ort fünf Doktorierende als studentische Hilfskräfte gesucht und gefunden. Die waren genial! Sie hatten zuvor noch nie Tests mit Kindern durchgeführt, aber sie lernten schnell und arbeiteten sehr zuverlässig. Ich bin von ihrer Arbeitsqualität und ihrer Motivation immer noch sehr beeindruckt.

Welche Forschungsergebnisse kannst du bereits mit uns teilen?

Zum Start des Projekts mussten alle Kinder fünf kognitive Tests durchlaufen. Dann haben wir die Kinder in drei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe bekam das probiotische Nahrungsergänzungsmittel, eine Gruppe bekam ein anderes Nahrungsergänzungsmittel, das nicht probiotisch war, und die dritte Gruppe ernährte sich wie gewohnt. Nach vier Monaten testeten wir die Kinder nochmals, um zu sehen ob sich etwas verändert hat.

Interessanterweise konnten wir über alle fünf Tests hinweg eine deutliche Verbesserung feststellen. Das ist vor allem darum bemerkenswert, da während sechs Wochen ein Streik verhinderte, dass die Kinder die Schule besuchen konnten. Trotz der ungeplanten Pause von der Schule konnten im zweiten Testdurchlauf deutlich mehr Kinder die Aufgaben lösen. Die Entwicklung der Kinder lief also nichtsdestotrotz weiter.  

Konnten Sie einen Zusammenhang zwischen der Nahrungsergänzung und der kognitiven Entwicklung nachweisen?

Leider konnten wir keine Wirkung durch das Probiotikum nachweisen. Daraus können wir aber auch nicht schliessen, dass probiotische Ergänzungsmittel nichts bewirken würden. Denn leider konnten wir die Studie nicht so wie ursprünglich geplant durchführen. Von den geplanten 68 Tagen, an welchen die Nahrungsergänzung hätte eingenommen werden müssen, waren es am Schluss nur noch durchschnittlich 33 Tage. Dies ist auf den Streik und andere  Vorkommnisse zurückzuführen. Wir hatten also nicht genügend Zeit, um einen Unterschied feststellen zu können.

Dennoch ist diese Studie, durchgeführt in einem afrikanischen Land, von wissenschaftlichem Nutzen. Denn bisher gibt es erst wenige Studien, die innovative Ansätze dieser Art untersuchen und diese wurden in der Regel in westlichen Ländern durchgeführt. Zurzeit untersuche ich mit meinem Team einige biologische Proben und weitere Daten aus diesem Forschungsprojekt hinsichtlich deren Kognitions-Zusammenhang. Einige unserer Forschungsfragen möchten wir bis Ende Dezember damit beantworten können.

Ein weiterer Teil des Projekts in der Elfenbeinküste war, Kleinstunternehmen aufzubauen um vor Ort probiotisches Joghurt in den lokalen Kakao Communities zu produzieren. Wie kommt dieser Teil des Projekts voran?

Mich freut besonders, dass von diesen Kleinstunternehmen am Schluss alle profitieren. In der Regel sind es Frauen, die diese Micro Enterprises aufbauen. Dieser Teil unseres Projekts gibt den Frauen nicht nur Geld für ihre Familien, es ist auch eine Emanzipationschance. Zudem können sie ein gesundes und nahrhaftes Produkt in ihren Gemeinschaften verkaufen.

In Entwicklungsländern ist das Probiotikum dank der Yoba for Life Foundation in preiswerten Sachets erhältlich. Aus jedem Sachet können 100 Liter probiotisches Joghurt hergestellt und verkauft werden. In vielen wissenschaftlichen Publikationen wird der gesundheitliche Nutzen des Probiotikums aufgezeigt und Uganda ist aktuell dabei, dieses Joghurt in seine schulischen Ernährungsprogramme zu integrieren. Das bestätigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Zusammen mit der Yoba Foundation konnten wir bereits viel Erfahrung im Aufbau von Kleinstunternehmen sammeln. Im September 2019 organisierten wir einen Workshop in San-Pédro mit rund zwanzig interessierten Frauen. Mehrere dieser Teilnehmerinnen stellen heute vor Ort Yoba Joghurt her. Im Januar 2020 organisierten wir zudem einen Workshop für NGOs und Kakao-Unternehmen in Abidjan um ihnen Yoba und dessen Nutzen näher zu bringen. Das Interesse war definitiv vorhanden und die Workshop-Teilnehmenden prüfen nun, was möglich ist.

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