Die Wissenschaft des Traumas

In der Kindheit erlebte Traumata hinterlassen bei den Betroffenen sowohl biologische als auch psychologische Spuren und können ihnen potenziell die Zukunft rauben. Dr. Stacy Drury weist darauf hin, dass mögliche Traumata bei der Erstellung von Diagnosen berücksichtigt werden sollen.

Letzten Monat kamen 25 Journalisten aus aller Welt an der Columbia University in New York zusammen, um zu erfahren, wie sich Traumata auf die frühkindliche Entwicklung auswirken. Der viertägige Workshop wurde vom Dart Center for Journalism and Trauma angeboten und von der Jacobs Foundation sowie drei weiteren Organisationen finanziert. Unter den international anerkannten Wissenschaftlern, Fachexperten und Praktikern aus dem Bereich frühkindliche Entwicklung, die bei dieser Gelegenheit ihr Wissen und ihre Erfahrung teilten, befand sich Dr. Stacy Drury, stellvertretende Direktorin am Tulane Brain Institute.

Dr. Drury lebt im amerikanischen New Orleans, einer Stadt, die besonders stark mit Gewalt zu kämpfen hat. Sie erklärte, dass in der Kindheit erlebte Traumata bei den Betroffenen sowohl biologische als auch psychologische Spuren hinterlassen und ihnen potenziell die Zukunft rauben. Wir wissen, dass sich traumatische Erlebnisse und Stresssituationen in der frühen Kindheit – Gewalterfahrungen, familiäre Instabilität und dauerhafte Armut – auf das spätere Leben negativ auswirken und beispielsweise zu Fettleibigkeit, Diabetes, Armut und Kriminalität beitragen können.

Dr. Drury sprach während des Workshops auch über ihre eigene Forschung, die zeigt, dass Traumata in der frühen Kindheit womöglich sogar die DNA auf den Telomeren – den Endabschnitten der Chromosomen – verändern. Telomere sagen etwas über die Lebensspanne einer Zelle aus, und verkürzte Telomere vermitteln einer Zelle, dass sie ihr Wachstum einstellen kann. Bei Menschen werden sie mit Alterung und einem erhöhten Risiko für chronische Krankheiten und Tod verbunden. Dr. Drurys Forschung zeigt, dass von Traumata (oder „Adverse Childhood Experiences“ / ACEs) betroffene Kinder kürzere Telomere haben als andere. „Wir glauben, dass ACEs den Alterungsprozess beschleunigen“, sagt Dr. Drury.

„Wir glauben, dass ACEs („Adverse Childhood Experiences“) den Alterungsprozess beschleunigen“, sagt Dr. Drury.

Resilienz

Viele Wissenschaftler interessieren sich für Kinder und Jugendliche, die trotz ihrer frühen Traumata ein erfolgreiches Leben meistern. Was haben diese jungen Leute, was anderen fehlt, fragen sie, und können wir das irgendwie auf weitere Kinder in schwierigen Lebenssituationen übertragen? Doch Dr. Drury argumentiert, dass bei der aktuellen Resilienzforschung womöglich der biologische Preis vergessen wird, den die Kinder für ihren Erfolg zahlen. „Bei der Frage, wie erfolgreich ein Kind ist, geht es meistens um schulische Leistungen und Verhaltensweisen“, erklärt sie. „Dabei werden aber möglicherweise biologische Veränderungen übersehen, die sich zum Beispiel auf die Organe negativ auswirken können. Bei manchen Kindern beobachten wir, dass ihre schulischen Leistungen zwar gut sind, ihr Gesundheitszustand dafür aber leidet. Für akademischen und beruflichen Erfolg zahlen sie also einen biologischen Preis. Das, was sie erfolgreich machte, liess ihr Herzkreislaufsystem altern.“

“Bei manchen Kindern beobachten wir, dass ihre schulischen Leistungen zwar gut sind, ihr Gesundheitszustand dafür aber leidet.”

PTBS ist nicht ADHS

Experten der Bereiche Bildung und Jugendrecht missverstehen häufig die Reaktionen von Kindern, die Gewalterfahrungen gemacht haben. Es ist daher wichtig, die Betroffenen auf adäquate Weise anzusprechen. „Kinder mit Gewalterfahrung tendieren zu einer Aufmerksamkeitsverzerrung hin zu möglichen Bedrohungen. Entweder reagieren sie darauf viel schneller oder sie haben Schwierigkeiten, sich wieder zu lösen“, sagt Dr. Drury. Viele Schulkinder können sich beispielsweise nur schwer konzentrieren und tendieren zu einer Überreaktion in Situationen, die als bedrohlich empfunden werden. „Die Forschung zeigt, dass Kinder mit Missbrauchserfahrung ein wütendes Gesicht viel schneller als solches erkennen als ein fröhliches Gesicht“, erklärt sie. „Wenn ich mit traumatisierten Kindern arbeite und meine Enttäuschung zeige, wird das schnell als Wut interpretiert, wenn ich aber so etwas sage wie „gute Arbeit“, dann verstehen sie das lediglich als neutrale Aussage. Praktiker in diesem Bereich müssen daher Positives viel stärker betonen, damit es als solches erkannt wird.“

„Ich verbringe viel Zeit damit, bei Kindern, die gar keine ADHS haben, die Medikamente wieder abzusetzen“, sagt Dr. Drury.

Im Rahmen ihrer Tätigkeit begegnet Dr. Drury vielen Kindern, die von Gewalt, der Inhaftierung der Eltern und anderen Problemen derart stark betroffen sind, dass sie an Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) leiden, einer Krankheit, die üblicherweise mit heimkehrenden Soldaten verbunden wird. Leider werde dies häufig als Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert, so Dr. Drury, da eines der Symptome von PTBS ebenfalls mangelnde Konzentrationsfähigkeit ist. Während Kinder mit ADHS auf Medikamente ansprechen können, ist das bei PTBS nicht der Fall. „Ich verbringe viel Zeit damit, bei Kindern, die gar keine ADHS haben, die Medikamente wieder abzusetzen“, sagt Dr. Drury. Ein erhöhtes Bewusstsein dafür, welche Auswirkungen Traumata auf Kinder haben können, kann dabei helfen, sie vor den Folgen zu schützen.

Charlotte Goddard, Jacobs Journalism Fellow

Charlotte Goddard ist freiberufliche Journalistin und schreibt zu Kinder- und Jugendthemen, unter anderem für Nursery World und Children & Young People Now. Sie ist eine von Jacobs Journalism Fellows, die am Workshop des Dart Centers teilnahmen.

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