Die Welt unserer Kinder 2050

Wie sieht das Leben unserer Kinder in 30 Jahren aus? Welche Fähigkeiten braucht die nächste Generation, um Zukunft mitzugestalten und darin zu gedeihen? Ein Interview zur «Future Skills» Studie mit Prof. Dr. Martin Hafen, von der Hochschule Luzern. Hafen verfasste im Auftrag der Jacobs Foundation das Grundlagenpapier zur Studie.

Für welche Zukunft bereiten wir Kinder vor?

Wirft man einen Blick auf das formale Bildungssystem, so entsteht der Eindruck, dass wir die Kinder auf eine Zukunft vorbereiten, die im Grossen und Ganzen der heutigen Gegenwart entspricht. Das ist eine Zukunft, in der Bildung vor allem als Wissensvermittlung zur Vorbereitung aufs Berufsleben verstanden wird. Für mich steht fest, dass diese Art von Vorbereitung für keine der in der Studie vorgestellten Zukünfte genügen wird, denn sie sind alle geprägt durch eine Konstante: den immer schneller erfolgenden Wandel. Die Fähigkeit, sich diesem Wandel anzupassen, ohne krank zu werden, wird durch die Vermittlung von Wissen nicht ausreichend gefördert.

Bei welchen Fähigkeiten aus der Studie ist die Vermittlung im frühen Kindesalter am wichtigsten?

Kleine Kinder bringen evolutionsbedingt alle Anlagen mit, um mit dem Leben in jeder Zukunft bestmöglich zurechtzukommen. Sie sind kreativ, problemlösungskompetent, begeisterungsfähig, sozial, kooperativ, mitfühlend. Was es braucht, sind Rahmenbedingungen, die den Kindern erlauben, diese Lebenskompetenzen weiterzuentwickeln und ihre Selbstwirksamkeit aufzubauen. Das gilt für die frühe Kindheit genauso wie für die Schulzeit und die späteren Lebensphasen.

Wo sehen Sie heutzutage das grösste Defizit in der Erziehung und Bildung im frühen Kindesalter in Bezug auf die von der Studie formulierten Kompetenzen?

Das Problem gerade in der Schweiz ist, dass den Familien mit kleinen Kindern zu wenig Unterstützung zuteil wird, um den Kindern diese Rahmenbedingungen zur Verfügung zu stellen. Das betrifft insbesondere für sozial benachteiligte Familien. Dabei geht es nicht um eine Verschulung der frühen Kindheit – im Gegenteil. Was es braucht, sind die Abwesenheit von chronischem Stress sowie Zeit, die es den Eltern erlaubt, eine tragende Bindung zu ihrem Kind aufzubauen. Wir sind einer von wenigen Staaten in der OECD, die keine bezahlte Elternzeit kennen, ja nicht mal einen Vaterschaftsurlaub. Weiter braucht es anregende Lebensräume daheim und im Freien, die Kindern Gelegenheit zum freien Spiel geben und Kontakte zu anderen Kindern ermöglichen.

Welche Trends sehen Sie in der Erziehung von Kindern?

Das durch die humanistische Moderne und den Kapitalismus geprägte Leistungsdenken dringt zunehmend in die erste Lebensphase vor und setzt die Familien und die familienergänzende Kinderbetreuung unnötig unter Druck. Die Aufmerksamkeit auf den Moment wird zunehmend abgelöst durch den Blick auf die Zukunft. Und diese Zukunft ist in der Regel nicht die Zukunft eines insgesamt gelingenden Lebens, sondern die Zukunft einer erfolgreichen Schul- und Berufskarriere. Dadurch wird bestimmten Kompetenzen ein übermässiges Gewicht zugemessen, während andere wie Kreativität, Sozialkompetenz oder Begeisterungsfähigkeit an Bedeutung verlieren, weil sie nicht «selektionsrelevant» sind. Das führt dazu, dass viele der Talente, die jedes Kind mitbringt, nicht zur Entfaltung kommen. Und das ist etwas, was sich die Gesellschaft eigentlich nicht leisten kann, wenn sie die Herausforderungen der Zukunft bewältigen will – egal, wie sich diese Zukunft letztlich entwickelt.

 

Prof. Dr. Martin Hafen

“Wir bereiten die Kinder auf eine Zukunft vor, die im Grossen und Ganzen der heutigen Gegenwart entspricht.”

 

Was bedeutet das für die Schule?

Es ist ja nicht so, dass sich die Schule nicht verändern würde, durchaus auch zum Guten. Aber meiner Ansicht nach sollte sie sich noch mehr nach den frühkindlichen Lernprinzipien ausrichten, denn das sind die genuinen Prinzipien des Lernens. Konkret bedeutet dies mehr Selbstbestimmung der Lerninhalte, mehr Zeit für Erfahrungslernen, mehr kooperatives Lernen, mehr bewegungsorientiertes Lernen, mehr Gelegenheit für kritische Meinungsbildung. Zudem müsste die erste Selektionsstufe auf das Ende der obligatorischen Schulzeit verlegt werden, wie das in den skandinavischen Schulsystemen der Fall ist. Der Selektionsdruck hemmt den Aufbau von Lebenskompetenzen und verstärkt die herkunftsbedingte Ungleichheit, was nicht das Ziel eines humanistischen Bildungssystems sein darf.

Nicht alle Eltern sind gleichermassen in der Lage, ihren Kindern diese Kompetenzen mitzugeben. Wie kann man Eltern dabei unterstützen?

Ein zentraler Ansatzpunkt ist die Reduktion sozialer Ungleichheit. Prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen erschweren es den Eltern ungemein, ihren Kindern entwicklungsförderliche Rahmenbedingungen zur Verfügung zu stellen. Auch wissen wir, dass die Angebote der familienergänzenden Kinderbetreuung in der Schweiz weder quantitativ noch qualitativ ausreichend und für die Familien viel zu teuer sind. Der Staat müsste in die frühe Kindheit genau so viel investieren wie ins formale Bildungssystem, denn diese Lebensphase ist für eine zukunftsfähige Bildung und den damit verbundenen Aufbau von Lebenskompetenzen entscheidend. Hier zu sparen heisst, das Risiko für zukünftige soziale und gesundheitliche Probleme zu erhöhen – inklusive des Leids und der Kosten, die dadurch entstehen. Das ist keine gute Voraussetzung für die Bewältigung der Herausforderungen, welche die Zukunft für die Gesellschaft bereithält.

Lesen Sie mehr und lassen Sie sich inspirieren:

Future Skills

 

Zur Person:

Prof. Dr. Martin Hafen ist Sozialarbeiter und Soziologe und arbeitet als Dozent und Projektleiter an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit. In seiner Dissertation hat Martin Hafen auf der Basis der soziologischen Systemtheorie eine themenübergreifende Theorie der Prävention erstellt. Seit 10 Jahren forscht und publiziert er zunehmend im Bereich der Frühen Förderung, die er mit Blick auf die vorliegende wissenschaftliche Evidenz als das wichtigste Handlungsfeld der Prävention bezeichnet.

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