Die Entwicklungswissenschaft in die Zukunft führen

Wir trafen Laura L. Namy anlässlich der von der Society for Research on Child Development  (SRCD) und des von der Jacobs Foundation gemeinschaftlich organisierten Workshops „Entwicklungswissenschaft im digitalen Zeitalter” in Newport Beach, Kalifornien. Wir sprachen mit ihr über ihre neue Stelle, über die Schwerpunktthemen der SRCD für die nächsten Jahre und über die Zusammenarbeit mit der Jacobs Foundation.

Laura, du bist seit fast einem Jahr Leiterin der SRCD. Was hast du dort seit deinem Antritt als besonders spannend erlebt?

Laura L. Namy:  Am spannendsten fand ich es zu sehen, welches Potenzial es hier noch gibt. Die SRCD leistet mit ihren regelmässigen Konferenzen und Fachzeitschriften hervorragende Arbeit, aber ich sehe für die Organisation noch viel mehr Möglichkeiten. Es besteht riesiges Interesse, und wir sollten die Einsatzfreude unserer Mitglieder verstärkt nutzen, um neue Ideen zu sammeln. So zum Beispiel auch im Rahmen dieses Workshops.

Was hast du als besonders schwierig erlebt?

Laura L. Namy: Die SRCD wurde grundlegend umstrukturiert. Für diesen Prozess – sich neue und moderne Arten der Strukturierung zu überlegen – musste ich vielen unterschiedlichen Dingen meine Aufmerksamkeit schenken. So viel Multitasking wie hier habe ich noch nie gemacht, und unsere Prioritäten müssen ständig angepasst werden, je nachdem, welche neuen Erkenntnisse wir erhalten.

Worauf willst du dich mit der SRCD in den kommenden Jahren konzentrieren?

Laura L. Namy: An erster Stelle steht die innovative Förderung von Projekten und Forschern der Entwicklungswissenschaft. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Begünstigung von Vielfalt in all ihren Ausprägungen: ethnische Vielfalt, Herkunftsland, Karrierestufe, Themengebiet sowie fachlicher oder methodischer Forschungsansatz. Mein persönliches Hauptziel ist es, die Entwicklungswissenschaft mit modernsten Mitteln voranzubringen.

Du hast als Professorin gearbeitet und als Programmdirektorin für die National Science Foundation, kennst die Beschaffung von Forschungsgeldern also von beiden Seiten. Wie hilft dir das in deiner neuen Stelle?

Laura L. Namy: Da ich selbst auch immer als Entwicklungswissenschaftlerin gearbeitet habe, weiss ich, welche Probleme sich für Forscher ergeben und welche Art der Unterstützung ihnen am meisten hilft. Während meiner Tätigkeit bei der National Science Foundation konnte ich den Bereich aus der Vogelperspektive betrachten. Dadurch, dass ich die verschiedenen Fachdisziplinen in ihrer ganzen Bandbreite kennenlernte und erfuhr, wer in diesem Bereich die Schlüsselrollen einnimmt, war ich in der Lage, mögliche Wachstumschancen zu erkennen, die ich so vielleicht gar nicht gesehen hätte, wäre ich nur bei meiner eigenen Forschung und in der Lehre geblieben.

Welche Rolle kann und sollte die private Forschungsförderung spielen? Wie können kleinere Geldgeber helfen?

Laura L. Namy: Dieser Bereich birgt für mich selbst noch Entwicklungspotenzial, da ich bisher wenig mit privaten Geldgebern zu tun gehabt habe. Ich lerne sehr schnell sehr viel darüber, wie spannend und vielfältig die Einsatzmöglichkeiten privater Stiftungen sein können. Ganz besonders gefällt mir dabei die partnerschaftliche Zusammenarbeit, das ist etwas ganz Neues für mich. Dahinter stecken ein Kollaborationsprozess und die Identifizierung gemeinsamer Prioritäten und Vorgehensweisen, die mich zuversichtlich stimmen, dass wir als Gesellschaft besseres leisten werden, als wir es allein geschafft hätten.

SRCD und Jacobs Foundation starten mit diesem Workshop in Irvine eine dreijährige Workshop-Reihe. Worum wird es dabei gehen?

Laura L. Namy: Gemeinsam mit der Jacobs Foundation wollen wir Innovationen schaffen und die Entwicklungswissenschaft in die Zukunft führen, indem wir Menschen aus verschiedenen Bereichen und unterschiedlichen Karrierestufen zusammenbringen, um uns mit Problemen zu befassen, die dringend angepackt werden müssten. Ziel ist es, Forschungsagenden auf innovative Weise zu formulieren und die Entstehung neuer Disziplinen und Forschungsbereiche zu fördern.

Was vermisst du aus deiner Zeit an der Emory University am meisten? Wünschst du dich manchmal wieder dorthin zurück?

Laura L. Namy: Ich bin hier definitiv zur richtigen Zeit am richtigen Ort, aber natürlich gibt es bestimmte Dinge, die ich vermisse. Am meisten fehlt mir, glaube ich, die Gelegenheit, Studenten individuell zu betreuen. Ich weiss, dass ich mit meiner jetzigen Arbeit langfristig viel mehr Studenten erreichen kann, aber die persönliche Beziehung zu einem Studierenden, die Förderung seiner oder ihrer wissenschaftlichen Laufbahn war ein unglaublich bereichernder Aspekt meiner Tätigkeit an der Universität. Das vermisse ich heute am meisten und daran denke ich immer gern zurück.

 

Über Laura Namy:
Laura L. Namy ist seit September 2017 Executive Director der Society for Research on Child Development (SRCD). Die SRCD ist eine internationale, multidisziplinäre Gesellschaft, die die Entwicklungswissenschaft und deren Anwendung zur Verbesserung menschlichen Lebens fördert. Zuvor war Laura 19 Jahre lang in den Fachbereichen Psychologie und Linguistik der Emory University tätig. Dort gründete und betreute sie das Language and Learning Laboratory und leitete das interdisziplinäre Center for Mind, Brain, and Culture. Sie war Herausgeberin des Journal of Cognition and Development und leitete in jüngerer Zeit das Programm für Entwicklungs- und Lernwissenschaft der National Science Foundation. 

 

Über die Zusammenarbeit von SRCD und Jacobs Foundation:
Ziel der strategischen Partnerschaft zwischen Jacobs Foundation und SRCD (Society for Research in Child Development) ist es, Wissenschaftler aus verschiedenen Fachbereichen zusammenzubringen, die sich mit Kinder- und Jugendentwicklung befassen; zu innovativen Forschungsprogrammen und -kollaborationen anzuregen; und den gesamten Forschungsbereich auf effektive Weise in die Zukunft zu führen. Für maximale Innovation werden sowohl etablierte als auch junge Wissenschaftler daran teilnehmen. In den kommenden drei Jahren werden drei Initiativen ins Leben gerufen, unter anderem zur Nutzung von Technologie für eine gesunde soziale/emotionale Entwicklung und zur Wissenschaft des Lernens. Jede Initiative wird über einen Zeitraum von drei Jahren unterstützt, in dem sich die Teilnehmer regelmässig treffen (sowohl persönlich als auch virtuell), um den Bedarf an  bestimmten Forschungsschwerpunkten zu identifizieren; integrative Perspektiven und Ansätze zur Bekämpfung von Forschungsdefiziten zu erarbeiten; und Berichte, Übersichten und Interventionsempfehlungen zu erstellen, die an Medien, Öffentlichkeit, Branche, Praktiker und Entscheidungsträger – ggf. in übersetzter Form – weitergeleitet werden.