Die berufliche Sinnsuche

Seit 2015 wählen die Jacobs Foundation und die Haas School of Business der UC Berkeley junge Leute aus, die an einem zweijährigen Laufbahnprogramm für Unternehmer (Entrepreneurship Career Program) teilnehmen. Sie werden in sozialem Unternehmertum, Nonprofit-Management, sozialer Innovation und Entwicklungsforschung besonders geschult. In dieser Ausgabe teilt Tyler Saltiel seine Erkenntnisse zur beruflichen Sinnsuche mit uns.  

Wenn an einem kalten, düsteren Februarmorgen der Wecker klingelt, kostet es immer wieder grosse Überwindung, aufzustehen und sich für den Tag zu rüsten. Das warme Lieblingsgetränk hilft zwar sicherlich, dennoch kann es unendlich schwer erscheinen, sich für einen neuen Arbeitstag zu motivieren. Jeder Mensch braucht etwas, was ihn jeden Tag wieder zur Arbeit antreibt. Diese Motivation finden Menschen aller Branchen, Funktionen, Rollen und Demografien auf unterschiedliche Art und Weise. Für manche ist es Anerkennung oder Beförderung. Für andere sind es positive Veränderungen, die sie auf ihrem Gebiet oder für diejenigen Menschen erzielen, für die sie sich einsetzen. Wieder für andere ist es die Flexibilität in Bezug auf den Arbeitsort oder die Möglichkeit, mehr Freizeit zu haben. Und für manche ist es auch einfach das Geld, das es ihnen erlaubt, ausserhalb der Arbeit Erfüllung zu finden.

Mit diesem Phänomen befassten sich im Herbst 2017 Studenten an der Haas School of Business der University of California Berkeley im Rahmen des neuen Kurses „The Pursuit of Meaningful Work” (Das Streben nach sinnvoller Arbeit). Ziel des Kurses war es, einerseits die verschiedenen Motivationsarten zu bestimmen, die mit darüber entscheiden, wo und wie Menschen arbeiten, und andererseits Strategien zu ermitteln, um Einzelpersonen und Teams darin zu unterstützen, herauszufinden, wo ihre Bestimmung liegt. Dabei wurden vier Einstellungen zugrunde gelegt, die Menschen auf ihrem Weg zur beruflichen Erfüllung einnehmen.

Selbst-souveräne Haltung (self-sovereign form of mind)

Für Menschen mit selbst-souveräner Haltung ist Arbeit eine Möglichkeit, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu erfüllen. Ihnen macht die Arbeit selbst oder das, was sie damit erreichen können, grossen Spass, und sie arbeiten oft lange Zeit allein an Projekten. Selbst-souveräne Menschen tun sich mit beruflicher Weiterentwicklung und der Aneignung neuer Kompetenzen schwer, da die damit verbundenen Herausforderungen ihre Freude am Status quo stören.

Sozialisierte Haltung (socialized form of mind)

Während selbst-souveräne Menschen selbstbestimmt vorgehen, finden sozialisierte Personen ihren Wert in ihrer Stellung unter Kollegen. Für sie ist Arbeit eine Möglichkeit, von anderen Anerkennung zu erhalten und zu behalten. Berufliche Leistung setzen sie häufig mit hoher Kompetenz und der damit verbundenen Achtung durch andere gleich. Wenn es darum geht, Kompetenzen zu meistern oder neue Fähigkeiten zu erlernen, neigen sozialisierte Menschen allerdings dazu, beim ersten Anzeichen eines Scheiterns aufzugeben, da ihr Ruf sonst Schaden nehmen könnte.

Selbst-schaffende Haltung (self-authoring form of mind)

Menschen mit selbst-schaffender Haltung gehen anders an das Sinn-Konzept heran. Sie sehen Arbeit als eine Möglichkeit, ihre Prinzipien zu leben, die wiederum den Kern ihres Wesens darstellen. Einbindung und Zugehörigkeit finden sie im beruflichen Umfeld durch die Demonstration dieser Prinzipien. Berufliche Leistung bedeutet für sie häufig, sich weiterzuentwickeln, neue Kompetenzen zu erlernen und diese zu beherrschen. Während andere sich mit Hindernissen schwertun, sehen selbst-schaffende Menschen diese als Beweis für ihre Prinzipientreue.

Selbst-transformierende Haltung (self-transforming form of mind)

Und schliesslich gibt es die selbst-transformierende Haltung. Menschen, auf die dies zutrifft, sind in der Lage, sich von festen Einstellungen zu lösen, während der Arbeit Sinn zu finden und sich selbst entsprechend zu wandeln. Weiterentwicklung und Lernen sind für sie Kernaspekte einer beruflichen Leistungsdefinition und ihre grösste Motivation. Herausforderungen und Rückschläge sind für sie keine Bedrohung und kein Beweis für Prinzipientreue, sondern Indikatoren, die zu höchster Kompetenz und zum Erwerb neuer Fähigkeiten führen.

Branchenführer in den Bereichen berufliche Entwicklung und Coaching beginnen gerade erst, mit diesen Konzepten zu arbeiten, und versuchen immer noch, diese voll zu verstehen. Beratungsunternehmen wie Imperative entwickeln Tools und bringen Führungspersonen zusammen, um über die Bedeutung von Sinn für Einzelpersonen, Teams und Arbeitgeber zu sprechen. Während diese Vorgehensweisen zunehmen und bei der Entwicklung zukünftiger Arbeitsplätze einen festen Platz einnehmen, eröffnen sich neue Möglichkeiten mitzubestimmen, wie dabei vorgegangen wird und wie die Zukunft der Arbeit aussieht. Dies sind aufregende Zeiten für alle, die im Coachingbereich tätig sind oder darüber forschen, wie Menschen in ihrer Arbeit Sinn finden.

Tyler Saltiel hat sein Studium an der George Fox University in Newberg, Oregon, mit einem Bachelor in Business Administration abgeschlossen. Er sagt: „Ich freue mich sehr, Teil des Talent-Netzwerks zu sein und von der Jacobs Foundation unterstützt zu werden. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit anderen Stipendiaten, Forschern und den übrigen Mitgliedern des Netzwerks, um die Probleme anzugehen, mit denen westafrikanische Kinder in ressourcenschwachen Gemeinden konfrontiert sind. Mein Ziel ist es, Hindernisse zu beseitigen, beispielsweise den fehlenden Zugang zu hochqualitativer Bildung, damit auch in Armut lebende Menschen ihr volles Potenzial erreichen können. Und ich freue mich, zusammen mit der Jacobs Foundation an diesem Ziel arbeiten zu dürfen.“

Der 30-jährige Stipendiat aus den Vereinigten Staaten begann seine Laufbahn bei Deloitte, wo er Audit-Dienstleistungen anbot. Anschliessend war er als Controller bei Partners In Health (PIH) tätig, einer Non-Profit-Organisation, die in armen Gemeinden in Westafrika und anderen Teilen der Welt Gesundheitsdienstleistungen erbringt. Tyler leitete die Finanzteams und betreute die Finanz- und Buchhaltungsprozesse am Hauptsitz von PIH und vor Ort in zwölf Ländern.

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