„Denken Sie an Ihre Zeit als Teenager zurück.“

Den Klaus J. Jacobs Research Prize 2015 erhielt die Neurowissenschaftlerin Sarah-Jayne Blakemore vom University College London (UCL) für ihre Forschung zum Verständnis von emotionaler und sozialer Hirnentwicklung im Jugendalter.

In einem Interview mit der Jacobs Foundation erklärt Blakemore, warum es wichtig ist sich an seine eigene Jugendzeit zu erinnern.

Auf welche Weise kann die Auszeichnung zur weiteren Entwicklung Ihrer Forschungsarbeit beitragen?
Mit dieser Auszeichnung werde ich daran forschen können, ob es bei Jugendlichen möglich ist, Selbstkontrolle und soziale Kognition, wie etwa Vorstellung, zu trainieren. Ausserdem kann ich untersuchen, wie dies ihr Verständnis für ihre Mitmenschen und ihre Risikobereitschaft beeinflusst. Dahinter steht der Gedanke, dass dies zur Förderung der Resilienz in der Pubertät beitragen kann. Ich habe mich dazu entschieden, mit Hilfe der Förderung durch den Jacobs Research Prize an diesen Fragen zu arbeiten und – was wirklich wichtig ist – mich auf eine wissenschaftliche Frage zu konzentrieren, die ausserhalb der normalen, konventionellen, uns bisher bekannten Förderung liegt. Diese Forschung würde normalerweise keine Förderung erhalten, doch sie könnte grosse Erfolge bringen.

Was raten Sie Eltern, die Probleme mit Ihren Kindern im Teenageralter haben?
Ich bin keine Neurowissenschaftlerin und absolut keine Expertin für Erziehungsfragen. Eine Sache, die ich Eltern raten würde, ist, ein wenig darüber zu lernen, wie sich das Gehirn Ihrer Kinder im Teenageralter verändert.
Ich arbeite oft mit Eltern und Lehrern zusammen, und es ist für sie sehr hilfreich zu verstehen, wie sich das Gehirn in der Pubertät verändert und welchen Einfluss dies auf das Verhalten in der Pubertät haben kann. Warum ist Ihr Teenager launisch und selbstbewusst? Warum gehen Jugendliche, wenn sie mit Freunden zusammen sind, Risiken ein, die sie alleine nicht eingehen würden? Ich denke, eine zentrale Frage, die sich viele Eltern stellen, ist: Warum macht mein vollkommen vernünftiger, gut erzogener Sohn oder meine vollkommen vernünftige, gut erzogene Tochter scheinbar dumme Sachen, wenn er oder sie mit Freunden zusammen ist? Was ist der Grund dafür? Es ergibt in Anbetracht ihrer Intelligenz und ihrer Erziehung keinerlei Sinn. Doch tatsächlich ergibt es, in Anbetracht dessen, was wir über die Entwicklung des Gehirns wissen, durchaus Sinn, da es sich um eine Art anpassungsfähige Masse handelt, die sich in einem dynamisch wachsenden Umfeld befindet und von Freunden beeinflusst wird und davon, einen Freundeskreis aufzubauen und Anschluss an Gleichaltrige zu finden. Ich glaube, dass Eltern dies verstehen können.
Viele Teenager machen das im Laufe ihrer Pubertät durch und ich hätte es sehr hilfreich gefunden, zu wissen, dass diese Veränderung ein normaler, natürlicher Prozess im Rahmen der Entwicklung des Gehirns ist und ich nicht viel dagegen tun kann. Doch diese Entwicklung zu verstehen, bedeutet in gewisser Weise, etwas dagegen zu unternehmen.

Läuft der Entwicklungsprozess bei Jugendlichen, die mit nur einem Elternteil aufwachsen, anders ab als der von Jugendlichen mit zwei Elternteilen?
Soviel ich weiss, gibt es seitens der Gehirnforschung und der experimentellen Psychologie noch keine Erkenntnisse zu dieser Frage. Ich würde sagen, wir wissen, dass das Umfeld eine Rolle dabei spielt, wie sich das Gehirn in der Kindheit und in der Jugend und in unterschiedlichen familiären Umfeldern entwickelt. Man könnte annehmen, dass Unterschiede im familiären Umfeld die Gehirnentwicklung beeinflussen könnten, doch wir wissen nicht inwiefern und wir wissen nicht, ob dieser Einfluss positiv oder negativ ist.

Was sind die drei wichtigsten Aspekte, die Eltern während der Pubertät ihrer Kinder berücksichtigen sollten?
Im Laufe der Pubertät entwickelt sich das Gehirn in hohem Masse und auf verschiedenste Weise. Doch bestimmte Gehirnregionen, die etwa Einfluss auf die Entscheidungsfindung, das Planen, das Vermeiden von Risiken und die Selbstwahrnehmung haben, entwickeln sich besonders stark. Wenn Sie sich Gedanken über das Verhalten Ihres Teenagers machen, ist es wichtig, diese Gehirnentwicklung ein wenig zu verstehen und zu begreifen, dass es sich um einen natürlichen, biologischen Prozess handelt.
Zum Zweiten wäre da der Biorhythmus, also die biologische Uhr, während der Pubertät. Nach der Pubertät haben junge Menschen grosse Schwierigkeiten damit, früh am Morgen aufzustehen. Dabei handelt es sich wieder um eine vollkommen natürliche Entwicklung, denn das schlafanstossende Hormon Melatonin wird nach der Pubertät erst später in der Nacht gebildet als es vorher der Fall war. Teenagern fällt es richtig schwer, nachts oder am Abend schlafen zu gehen. Da sich ihr Gehirn noch im Wachzustand befindet, können sie nur schwer einschlafen. Das ist auch die Hauptursache dafür, dass sie morgens Probleme haben wach zu werden. Es liegt nicht daran, dass sie faul sind oder sich schlecht benehmen. Es handelt sich um eine natürliche Veränderung der Melatoninproduktion. Und drittens, ist es sehr wichtig, an die eigene Teenagerzeit zurückzudenken. Erinnern Sie sich daran, wie es war, als Sie ein Teenager waren. Man vergisst das leicht.

Zur Person:
Sarah-Jayne Blakemore (Britin, geboren 1974), ist Royal Society University Research Fellow und
Professorin für Kognitive Neurowissenschaften am University College London (UCL). Sie ist stellvertrende Direktorin des Instituts für Kognitive Neurowissenschaften und Leiterin des Bereichs für kognitive Entwicklungsneuropsychologie.

Hauptforschungsinteressen: Verständnis der emotionalen und sozialen Hirnentwicklung in der
Pubertät; neurokognitive Entwicklung bei normal entwickelten Kindern und Jugendlichen; Entwicklung des sozialen Gehirns (das Netz von Gehirnregionen, die für das Verstehen anderer Menschen zuständig sind).

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