Bildungslandschaften Schweiz machen Dampf

Die 4. Fachtagung der Jacobs Foundation zum Thema Bildungslandschaften versammelte am 21. Mai in der Dampfzentrale Bern über 200 Fachleute aus Bildung, Praxis, Forschung und Politik. Über 10 Jahre hat die Jacobs Foundation die Idee der Bildungslandschaft gefördert, 22 erfolgreiche Schweizer Bildungslandschaften sind entstanden.

Nun legt Geschäftsführer Sandro Giuliani das Projekt in neue Hände: Die Stiftung éducation21 zur Förderung von Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) wird die Betreuung und Verbreitung von Schweizer Bildungslandschaften vorläufig fortsetzen.

Schon vor dem formellen Beginn der Tagung herrscht Gedränge auf diesem «Marktplatz» in der Dampfzentrale Bern: 15 Bildungslandschaften stellen sich in einzelnen Kojen vor und führen neugierigen Besuchern die Vielfalt der Bildungslandschaften in der Schweiz vor Augen. Da führt ein kindgerechter Quartierplan zum Mitnehmen den Input der Quartierarbeit vor. Da beteuert gerade jemand im Gespräch die zentrale Rolle der öffentlichen Schule und ihrer Ressourcen. Doch gleich in der Koje gegenüber trifft man dann auf die «Musiklandschaft Uri», die das frühkindliche Musizieren vor der Schule ebenso fördert wie das Musizieren von Jugendlichen nach Ende der Schulzeit. Während es in Lausanne darum geht, die ansässige Wirtschaft mit jugendlichen Schulabgängern zusammenzubringen. In Bildungslandschaften geht es immer darum, verschiedenste Akteure im Interesse von Kindern und Jugendlichen zu verflechten – sie antworten deshalb in vielfältiger weise auf vielfältige lokale Bedürfnisse.

10 Jahre Impulsgeber

Über 200 Fachleute aus Bildung, Praxis und Forschung nahmen am 21. Mai 2019 an der 4. Fachtagung zum Thema Bildungslandschaft in der Dampfzentrale in Bern teil. In seiner Begrüssung stellt Geschäftsführer Sandro Giuliani einen Abschied, aber auch einen Neuanfang vor: Nach über zehn Jahren, in denen die Jacobs Fundation als Impulsgeberin den Aufbau von 22 Schweizer Bildungslandschaften mit über 6 Millionen Franken unterstützt hat, übergibt sie die weitere Verbreitung dieses erfolgreichen Ansatzes vorläufig an die nationale Stiftung éducation21.

Hans Anand Pant, Professor für Erziehungswissenschaften und Schulentwicklung an der Humboldt-Universität in Berlin, erläutert in seinem klugen Referat den Zusammenprall der traditionellen Institution Schule mit einer «disruptiven» gesellschaftliche Entwicklung. Weder auf homogene Jahrgangsklassen gestützte Methoden, noch eine auf Noten fokussierte Leistungsorientierung noch das bisherige, rein meritokratische Verständnis von Bildungsgerechtigkeit vermögen einer neuen, extrem heterogenen Schülerschaft gerecht zu werden. Nur indem der Bildungsbegriff ausgeweitet und auch ausserschulische Bereiche in die Verantwortung eingebunden werde, könne die Schule den grossen Herausforderungen von Inklusion und Migration begegnen.

Die Konferenz 2019 in Bildern

Bildungslandschaft für gesellschaftliche Integration

Ein eindrücklicher Videofilm über die Grundschule Kleine Kielstrasse in Dortmund vermittelt ein lebensnahes Beispiel. Durch die Flüchtlingskrise von 2015 plötzlich mit einer enormen Zahl von Kindern ohne Sprachkenntnisse und überdies mit Fluchterfahrung konfrontiert, beschloss diese Grundschule alle Ressourcen ihres Stadtquartiers zu mobilisieren: von vor- und ausserschulischen Angeboten bis zu Sozial- und Gesundheitsdiensten, Elternschaft, Kirchen und Privatwirtschaft. Es entstand – so Hans Anand Pant – eine aus der Not geborene Bildungslandschaft, die die gesellschaftliche Integration weit über die Kernschule hinaus nachhaltig verbessert.

Stefan Huber vom Institut für Bildungsmanagement und Bildungsökonomie an der Pädagogischen Hochschule Zug präsentierte die Resultate einer ebenfalls von der Jacobs Foundation finanzierten empirischen Begleitstudie zur Wirksamkeit von Bildungslandschaften. Als Kernresultate gelten: Bildungslandschaften kosten Zeit, bringen also zunächst eine Mehrbelastung für die Beteiligten, führen aber auch zu einer emotionalen Entlastung, wenn sich die Zusammenarbeit etabliert.

Bildungslandschaften erleichtern Übergänge

Entscheidend für das Gelingen sind Projektleiterinnen und- leiter die motiviert, engagiert und ausgesprochen kommunikationsfähig sind. Während sich Bildungslandschaften auf Schulleistungen nur sehr moderat auswirken, zeigen sie grosse Wirkung in Bezug auf die Integration von Familien mit Migrationshintergrund: Eltern nutzen die vorhandenen Angebote stärker und sind besser informiert. Und schliesslich erleichtern Bildungslandschaften Übergänge, sei es vom Vorschulbereich in die Schule oder von der Schule in den nachschulischen Berufsbereich.

22 blühende Bildungslandschaften

Rita Schweizer, die von Seiten der Jacobs Foundation die 22 Schweizer Bildungslandschaften seit 2015 begleitet, ergänzt in ihrer Präsentation diese wissenschaftlichen Resultate aus praktischer Sicht: Bildungslandschaften kommen dann zum Blühen, wenn sie gebraucht werden – wenn also ein entsprechender Leidensdruck vorliegt, der zu politischer Unterstützung und damit finanzielle Ressourcen führt.

Vorläufige Betreuung von éducation21 

Ab diesem Sommer wird éducation21, das nationale Kompetenzzentrum zur Förderung von Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE), die Betreuung der Schweizer Bildungslandschaften vorläufig fortsetzen. Direktorin Klara Sokol begrüsst die neue Aufgabe. Breit im formalen Bildungssystem der Schweiz verankert suche ihre Stiftung die Nachhaltigkeit nicht nur inhaltlich im Lehrplan, sondern auch mit Bezug auf die Schule als Lern-, Arbeits- und Lebensort zu fördern. Insofern verfolge auch éducation21 einen ähnlichen Ansatz wie die Bildungslandschaften, nämlich einen «whole school approach». Bildungslandschaften sollte von Schulen, Gemeinden und Kantonen weiterhin genutzt werden können, dafür brauche es jedoch nationale Unterstützungsstrukturen. Education21 wird deshalb bis 2021 ein neues Verbreitungskonzept zur langfristigen Verankerung von Bildungslandschaften erarbeiten.

Rasante szenische Intermezzi des Bühnenensembles «Zugvögel» versetzten die Tagungsteilnehmer in Bewegung und Begeisterung. Zwei prominente Diskussionsrunden brachten überdies Akteure aus der Praxis mit hochkarätigen Vertretern der Lehrerinnen und Schulleiterinnen, der Eidgenössischen Erziehungsdirektoren und Sozialdirektoren-Konferenz ins Gespräch. Kurz – eine reichhaltige Tagung hat verdeutlicht, dass das afrikanische Sprichwort seine Gültigkeit auch dann bewahrt, wenn es oft zitiert wird: Es braucht tatsächlich ein Dorf, um ein Kind zu erziehen.

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