«Als Hebamme habe ich das Anliegen von Primokiz sofort verstanden»

Die Stadt Zug gilt als besonders wirtschaftsfreundlich. Sie ist jedoch auch ausgesprochen kinder- und familienfreundlich. Stadträtin Vroni Straub-Müller hat das Projekt Primokiz Zug deshalb mit Verve politisch vertreten. In fruchtbaren Diskussionen während der Vernehmlassung gelang es, gewisse Ängste der Skeptiker auszuräumen. Trotz laufender Sparmassnahmen hat das Parlament Primokiz bewilligt.

«Als uns das Angebot der Jacobs Foundation zur Teilnahme am Projekt Primokiz erreichte, waren wir bereits auf dem Weg», erzählt Erwina Winiger, Leiterin der Abteilung Kind-Jugend-Familie des Bildungsdepartements der Stadt Zug (ZG, 30’000 Einwohner). Die Abteilung hatte bereits das Unicef-Label «kinderfreundliche Stadt» und das Stadtentwicklungsprojekt «westwärts» initiiert: man habe zeigen wollen, dass der Stadt nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Familien und Kinder, die in ihr wohnen, wichtig seien. «Primokiz erschien uns deshalb wie ein logischer nächster Schritt», erinnert sich Erwina Winiger.

Auch Vroni Straub-Müller (CSP), die für Bildung zuständige Stadträtin, verstand sofort, worum es ging, als sie im Gespräch mit der damaligen Fachstelle Betreuung erfuhr, dass Kita-Leiterinnen von Kinder berichteten, die man wenig erreiche, die sozusagen durch die Maschen fallen könnten. «Ich bin Hebamme, und ich habe in meinem Beruf immer wieder Familien erlebt, die man nach der Geburt eines Kindes noch einige Wochen begleitet und dann denkt: es wäre eigentlich nötig, dass da auch weiterhin jemand hinschaut. Man hat mir deshalb das Primokiz-Konzept nicht lange erklären müssen, ich bin von der Seite der Politik sofort eingestiegen.»

Unterstützt von einer Primokiz-Expertin entstand eine Situationsanalyse sowie ein umfassendes Konzept der frühen Kindheit. In die Projektgruppe holte man nebst den Akteuren des Frühbereichs auch die Kollegen des Departements für Soziales einerseits und der betroffenen kantonalen Ämter andererseits. «Zug ist eine überblickbare Stadt, man arbeitet hier oft zusammen», erläutert Erwina Winiger. Federführend für die Konzeptarbeit war die bereits bestehende Fachstelle Betreuung.

In Zug besteht, wie die Situationsanalyse zeigte, im Frühbereich ein grosses und vielfältiges Angebot: Rund 80 private Trägerschaften und Vereine, kantonale und städtische Fachpersonen bieten Betreuung, Beratung und Bildung von Familien mit kleinen Kindern an – doch es fehlte an Information und Koordination. Auch zeigte sich bei den Spielgruppenleiterinnen ein deutlicher Bedarf für Unterstützung.

Die Projektgruppe sah die Hauptaufgabe der Stadt in der Vernetzung und Koordination der Angebote. Der aus dem Konzept abgeleitete zweijährige Massnahmenplan konzentrierte sich deshalb stark auf die Vernetzungsarbeit und das Bereitstellen von Angeboten zur Wissensvermittlung und Weiterbildung, gerade auch für Spielgruppenleiterinnen.

In der politischen Vernehmlassung habe es Diskussionen gegeben, erinnert sich Stadträtin Straub-Müller: «Es war vor allem ein Ringen um Begriffe. Es gab Stimmen, die jede Politik der frühen Kindheit ablehnen, weil sie damit einen staatlichen Eingriff in die Familie befürchten.» Man habe diese Ängste aber ausräumen können, indem man im FBBE-Konzept der Stadt Zug in der ersten Leitlinie klar die Familie als «wichtigsten Bildungs- und Förderungsort des Kindes» bezeichnete. «Es war letztlich eine gute Auseinandersetzung», meint Vroni Straub-Müller in der Rückschau.

Im Grossen Gemeinderat (Legislative) war das Projekt dann nicht mehr umstritten. Weil keine neue Stelle geschaffen werden musste (es genügte eine Neufokussierung der Fachstelle Betreuung) sind die Kosten der Massnahmen überschaubar, sie fliessen ins reguläre Budget ein. «Die Stadt Zug schrieb damals sogar rote Zahlen und musste sparen – trotzdem konnten wir Primokiz durchziehen» sagt Vroni Straub-Müller mit Stolz.

Im ganzen Prozess sei die Unterstützung durch Primokiz und dadurch letztlich durch die Jacobs Foundation allerdings entscheidend gewesen: «Alleine hätten wir es nicht machen können», meinen sowohl Abteilungsleiterin wie Stadträtin. «Das Fachwissen der Expertin, ihre Aussensicht und ihre Anleitung, wie so ein Prozess angepackt wird – das hat uns sehr geholfen», erinnert sich Erwina Winiger. Bei der politischen Umsetzung sei allein schon der Name der Jacobs Foundation viel wert gewesen: «Er bürgte dafür, dass es bei Primokiz Zug nicht einfach um eine Beschäftigungstherapie für eine Verwaltungs-Abteilung gehe, sondern um ein Thema, das in der ganzen Schweiz wichtig war.»

Ja, der ganze Prozess habe viel persönlichen Einsatz verlangt, erinnert sich die Stadträtin. «Es war schon streng. Aber es war kein harziger Weg, es ging immer vorwärts.» Entscheidend sei die gute Zusammenarbeit gewesen: Die Fachstelle habe sie immer gut informiert und wenn nötig an den Tisch beordert.

Auch Erwina Winiger zieht ein überaus positives Fazit. Der Prozess sei der Fachstelle sehr zu Gute gekommen: «Wir sind heute nicht mehr einfach so eine komische Verwaltungsabteilung im Elfenbeinturm, sondern wir werden wahrgenommen als Unterstützer, als Anstosser und als Ermöglicher».